Liasghar Sasqal/Klassifikation untoter Wesen
Klassifikation untoter Wesen
von Liasghar Sasqal
Einleitung
Es existiert bereits eine Vielzahl von Namen für verschiedene untote Wesen, die vornehmlich Erscheinungsbild und Fähigkeiten des jeweiligen Objekts berücksichtigen. Dabei bleibt jedoch insbesondere die Herkunft sowie der wissenschaftliche Hintergrund weitgehend unbeachtet. Da diese Aspekte für den Nekromanten von größter Bedeutung sind, möchte ich mich in meiner Forschung darauf spezialisieren. In meiner vorangegangenen Ausarbeitung "Vom Leben in den Tod" legte ich bereits großen Wert auf das Verständnis des Phänomens untoter Existenzen. Mit diesem Schritt möchte ich noch einen Schritt weiter gehen, indem ich mich den verschiedenen Erscheinungsformen widme, wodurch die Materie in ihrem Spezialfall noch besser begriffen werden kann.
Theorie
Gemäß dem bereits in der Einleitung zitierten Werk "Vom Leben in den Tod" handelt es sich beim Phänomen untoter Wesen um eine fehlerhafte Abbildung Nichtlebendiger. Die Bezeichnung "fehlerhaft" ist hierbei so zu verstehen, dass sich das besagte Objekt von der üblichen naturgegebenen Bindung unterscheidet und in den meisten Fällen nicht die üblichen Charakteristika Lernfähigkeit, Wille et cetera, die gewöhnlichen Lebewesen Eigen sind, aufweist. Außerdem wurde die Bezeichnung "Nichtlebendige" gewählt, da es sich als nicht nachweisbar herausgestellt hat, dass ein Untoter - vor dem Dasein als ein solcher - bereits gelebt haben muss. Daher wäre die Aussage, es müsse sich um Tote handeln nicht tragbar und wurde aus diesem Grunde verallgemeinert.
Von wesentlicher Bedeutung zur Kategorisierung dieser Wesen ist die zugrunde liegende Annahme, dass das Urbild zweigeteilt ist in physische und geistige Eigenschaften des abzubildenden Wesens. Diese Annahme wird wie folgt begründet: Betrachtet man das Spektrum der Untoten oberflächlich, fällt bereits auf, dass sich zwei Extrema herauskristallisieren.
- Einerseits wissen wir um die Existenz von Geistern - unter sich so verschiedenartig, wie sie nur sein können, besitzen sie die triviale Gemeinsamkeit, an keinen Körper gebunden zu sein.
- Andererseits existieren Untote wie jene, die im Volksmund Zombies genannt werden. Sie besitzen einen Körper, wenn er auch dem Verfall ausgesetzt ist. Dafür aber sind sie allem Anschein nach nicht fähig, einen eigenen Willen auszubilden.
Diese Regelmäßigkeit setzt sich weitestgehend fort. Unbedingt erwähnenswert ist hierbei, dass wir uns keinen Widerspruch mit der Annahme einhandeln, sollte man auf Wesen stoßen, die beiderlei Merkmale ausreichend gut in sich vereint haben. Ein solches Objekt existiert tatsächlich: beispielsweise ein Liche. Bei einem solchen Wesen ist es sehr schwierig, eine Einteilung vorzunehmen, welches der beiden Charakteristika stärker ausgeprägt ist.
Ich möchte daher die folgende Klassifikation einführen:
- primär körperlich: Dazu zählen Zombies, Skelette.
- primär geistig: In diese Kategorie fallen beispielsweise alle Gruppen von Geistern.
- andere: Hierbei handelt es sich um Wesen, die sich nicht eindeutig in die zwei genannten Gruppen einordnen lassen.
Dem Leser ist sicherlich nicht verborgen geblieben, dass diese Einteilung nur sehr grob ist. Außerdem hat man in der Praxis mit sehr vielen Abstufungen zu tun, die zwar vollkommen mit der Theorie vereinbar sind, sich jedoch nicht aus ihr voraussagen lassen.
Aus diesem Grund will ich im Folgenden die verschiedenen Erscheinungsformen hinsichtlich ihres Potentials als primär geistige Untote auf die Probe stellen, während jenes als primär körperliche nicht weiter ausgeführt werden soll. Dies begründe ich mit der Trivialität dieses Aspekts.
Dabei möchte ich bereits eingangs betonen, dass ich das Fehlen jedweder Furcht nicht zwingend als Mangel an intellektuellen Fähigkeiten, die Gefahr als solche wahrzunehmen, interpretieren werde.
Kriterien
Selbstverständlich erwarte ich nicht, dass sich hier ein Zombie findet, der auf meine Herausforderung im Schach eingeht, oder dass mir da ein Skelett über den Weg läuft, das einen von mir verfassten Fragebogen ausfüllt. Dieses Kapitel befasst sich allein mit der Schwierigkeit, das jeweilige Objekt einzuschätzen. Dafür werde ich die folgenden Versuche jeweils zehnmal pro äußerlich unterscheidbarem Wesen. Sie sind nach zu erwartendem Schwierigkeitsgrad geordnet, beginnend beim einfachsten.
- Es wird eine Feuerwand möglichst unbemerkt gezaubert. Anschließend wird das Objekt aus dem Verborgenen beobachtet. Ich wähle diesen Cantus, da die von ihm ausgehende Gefahr sehr deutlich zu erkennen ist. (1)
Hierbei soll festgestellt werden, ob der Untote die Gefahr zugunsten der eigenen Erhaltung meidet.
- Ein Schwert soll in Reichweite des Objekts positioniert werden. Die Beobachtung findet wiederum im Verborgenen statt. (2)
Dieser Versuch dient dazu, um überprüfen zu können, ob das Objekt den Nutzen der Waffe erkennt.
- Erneut wird eine Feuerwand gezaubert. Der Experimentator gibt sich dem Untoten anschließend zu erkennen, während er darauf bedacht ist, dass die Feuerwand ausschließlich die direkte Verbindung blockiert und gegebenenfalls leicht umgangen werden kann. (3)
Das Objekt hat verglichen mit (1) einen Grund, seinen Instinkten nach den Experimentator anzugreifen. Die Frage ist nun, ob das Objekt in dieser Situation die Gefahr der Feuerwand beachtet.
- Auch das Schwert wird ein weiteres Mal in der Nähe des Untoten abgelegt. Analog zu (3) gibt sich auch hier der Experimentator zu erkennen. (4)
Diesmal geht es nicht nur darum, Gefahr zu meiden, sondern nicht den direkten Weg zu wählen, weil der alternative Vorteile bietet.
- Diesmal wird erneut ein Schwert positioniert. Allerdings mit dem Unterschied, dass es durch eine Spezialanfertigung für praktischen Nutzen blockiert ist (Näheres dazu im Kapitel Umsetzung). Der Experimentator bleibt im Verborgenen. (5)
An dieser Stelle muss der Untote nicht nur erkennen, was ihm einen Vorteil einbringen könnte. Es geht darum, dass er zusätzlich die Anordnung versteht.
- Ein letzter, zusätzlicher Test: Das Objekt durchschaut beispielsweise in (1) und (2), dass die Situation inszeniert ist und enttarnt den Experimentator.
Damit würde sich der Untote bereits unter Menschen über dem Durchschnitt aufhalten. Man könnte nicht mehr von einer "fehlerhaften" Abbildung wie im vorangegangen Kapitel im Sinne von "schlechter" sprechen. Natürlich könnte das zugehörige Urbild bei einem Menschen noch deutlich mehr Potential haben, aber es wäre bei einigen Aussagen deutlich mehr Vorsicht geboten.
Umsetzung
Im vorangegangenen Kapitel wurde eine Zahl von Möglichkeiten genannt, die intellektuellen Fähigkeiten der Objekte auf die Probe zu stellen. Dabei wurde jedoch auf Details in der Umsetzung verzichtet. Auch hier möchte ich diesen für die Ergebnisse nebensächlichen Aspekt nur grob skizzieren oder auf andere Quellen verweisen.
- Unsichtbarkeit: In (1), (2) und (5) geschieht die Beobachtung des Objekts ohne dessen Kenntnis. Mir kamen dabei die früheren Studien in der Illusionsmagie zugute. Doch selbst im Codex64 findet sich ein Cantus namens "An Lor Xen", der hier gute Dienste leisten kann.
- Feuerwand: In (1) und (3) wurde dieser Cantus gesprochen. Auch hier kann man eventuell notwendige Informationen im Codex64 finden.
- Spezialanfertigung für das Schwert: Hierbei handelt es sich um ein zylinderförmiges Objekt, dessen Innendurchmesser mit der Breite des Heftes übereinstimmt. Das Heft des Schwertes ist zuvor so bearbeitet worden, dass es in sich dank eines Gewindes innerhalb des Objekts quasi hinein schrauben lässt. Das Schwert müsste heraus gedreht werden. Das Gewinde ist gut sichtbar. Man wende sich hierfür am besten an einen Handwerker.
Auswertung
Die Auswertung bezieht sich auf Untote, die im Höhlensystem Covetous aufgefunden worden sind. Pro Art wurde jeder Versuch zehnmal durchgeführt. Die Auswertung findet sich im Folgenden aufgelistet:
Art: Zombie Reaktion auf (1): scheinen die Feuerwand nicht zu registrieren, selbst dann nicht, wenn sie sich augenscheinlich aus Versehen direkt darin befindet (in 10 von 10 Fällen) Reaktion auf (2):bemerken das Schwert nicht (in 10 von 10 Fällen) Resümee: keine weiteren Versuche, hoffnungsloser Fall
Art: Skelett Reaktion auf (1): erkennen die Feuerwand offenbar, bewegen sich nur selten dorthin (in 8 von 10 Fällen) Reaktion auf (2): wenige nehmen das Schwert auf (in 3 von 10 Fällen) Reaktion auf (3): sie wählen den direkten Weg, Feuerwand wird missachtet (in 10 von 10 Fällen) Reaktion auf (4): sie wählen den direkten Weg, Schwert wird missachtet (in 10 von 10 Fällen) Resümee: keine weiteren Versuche
Art: Ghoul Reaktion auf (1): erkennen die Feuerwand offenbar, bewegen sich kaum dorthin (in 9 von 10 Fällen) Reaktion auf (2): das Schwert wird generell beachtet (in 7 von 10 Fällen) Reaktion auf (3): sie wählen oft den direkten Weg (in 6 von 10 Fällen) Reaktion auf (4): sie wählen den direkten Weg, Schwert wird missachtet (in 9 von 10 Fällen) Reaktion auf (5): Schwert wird in dieser Form selten erkannt (3 von 10 Fällen), Anordnung jedoch nicht verstanden (in 10 von 10 Fällen) Resümee: Fähigkeit eigenen Denkens ansatzweise vorhanden
Art: Liche Reaktion auf (1): teilweise werde ich sofort enttarnt (3 von 10 Fällen), der Rest tut dies dank des Zaubers, den ich wirken muss, um die Feuerwand zu erschaffen Resümee: Fähigkeit eigenen Denkens vorhanden, sehr großes magisches Potential
Schlussbetrachtung
Anhand der beschriebenen Vorgehensweise lassen sich die beschriebenen Wesen gut einordnen.
Außerdem erhärtet es den Verdacht, Liches seien deutlich eigenständiger und freier in ihrem Denken. Diesen Aspekt gilt es schließlich bei jeder Beschwörung zu berücksichtigen.
Die Liste ließe sich prinzipiell beliebig lange fortführen, ich schließe diese Nachforschungen jedoch vorerst ab, da es vornehmlich mein Anliegen war, mich von der Funktion des Verfahrens zu überzeugen.
Liasghar Sasqal