Amayris/Landsender Chroniken: Unterschied zwischen den Versionen
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Es mußte noch so viel organisiert werden. Ein wenig nachdenklich schaute sie auf die Papiere vor sich. Die Speisenfolge würde Probleme bereiten. Oder eher die Nahrungsvorlieben vieler Gäste. Auch Niowe hatte für das Problem bisher keinen Ratschlag geben können. Immer noch unzufrieden, daß sie bisher keine Lösung gefunden hatte, machte sie sich wieder daran, die Gästeliste durchzugehen. | Es mußte noch so viel organisiert werden. Ein wenig nachdenklich schaute sie auf die Papiere vor sich. Die Speisenfolge würde Probleme bereiten. Oder eher die Nahrungsvorlieben vieler Gäste. Auch Niowe hatte für das Problem bisher keinen Ratschlag geben können. Immer noch unzufrieden, daß sie bisher keine Lösung gefunden hatte, machte sie sich wieder daran, die Gästeliste durchzugehen. | ||
< | <blockquote>"Geehrte Mitglieder des Schattenrates, ich möchte dem Schattenrat als meinem Lehensherrn hiermit meine Vermählung bekanntgeben. Am dritten Wochenbeginn dieses Mondes wird in Landsend am Abend die Hochzeit zwischen mir, Amayris von Zackbergen und Schlangenfest, und meinem Anverlobten, dem hochgelehrtem Herrn Yadran Toranas, vollzogen werden. Noch in derselben Nacht wird der Bund feierlich gewürdigt. Einige der Gäste sind Bekannte des Paares aus alten Tagen und werden unter dem ausgerufenem Turnierfrieden in das Reich von außerhalb einreisen. Ich verbürge mich für deren friedliches Verhalten innerhalb unserer Grenzen und bitte sie trotz anderzeitiger Kontroversen als meine Gäste ehrenvoll zu behandeln. | ||
Achtungsvoll Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominium Landsend"</blockquote> | Achtungsvoll Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominium Landsend"</blockquote> | ||
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Und mit jedem Schiff floß Gold in die Schatullen der Herrin des Landstriches. | Und mit jedem Schiff floß Gold in die Schatullen der Herrin des Landstriches. | ||
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Aktuelle Version vom 1. Januar 2026, 17:06 Uhr
Der vorliegende Text ist eine Mischung aus Gesichte des Charakters Amayris und der Geschichte Landsends.
Landsend - wie alles Begann
Beginn in Serpents Hold
Serpents Hold, kurz vor der Reintegrierung ins Reich von Britannia. In einer etwas am Rande des horanischen Schlosses gelegenen Kammer treffen sich eine Gruppe Männer. An ihren Körpern konnte man ablesen, daß sie Kämpfe nicht scheuen brauchten, an ihren Gesichtern jedoch sah man, daß sie vor einer schwerwiegenden Entscheidung stehen würden. Einer der Männer, etwas gedrungener mit einem stattlichem Kinnbart, brummte, unterstrichen von einem Nicken: "Er hat es tatsächlich getan. Seine Schwester hat ihn umgestimmt, wie es scheint. Man hat die Lordprotektorin abgesetzt und verbannt, vogelfrei erklärt sogar. Sie kam aus unseren Reihen - und verdammt, auch wenn sie eine Frau war, sie hat sich doch behauptet unter uns." - "Ich habe stets gerne die Klinge zur Übung mit ihr gekreuzt.", warf ein anderer ein. "Aber noch mehr habe ich ihre Aufrichtigkeit geschätzt. Ich glaube nicht, daß sie dem Grafen untreu geworden ist. Ich will fast meinen, daß sie die Bedeutung des Wortes beinahe nicht kennt." - "Nun übertreibt nicht, Sir, das Wort wird sie schon gekannt haben. Sie ist nicht dumm. Umso mehr eine Schande, daß sie verbannt wurde.", warf ein dritter Ritter ein. Eine Weile herrschte daraufhin betretenes Schweigen und jeder versuchte, keinen der anderen wirklich anzusehen.
Dann räusperte sich doch wieder der erste Sprecher und stellte die Frage, die sie alle fürchteten: "Und nun? Wem halten wir die Treue? Der Halbschwester des Grafen, dem Wunsch nach Frieden oder unseren Idealen?" Nachdem immer noch keiner das Wort ergriff, knallt er die Faust auf den Tisch, daß einer der Becher darauf umkippte und polternd zu Boden rollte, wo sich der Rest seines Inhaltes auf den Boden ergoß und eine tiefrote Lache bildete. "Verdammt! Ihr benehmt euch wie Waschlappen, Sirs, allesamt. Ich sage euch, was zumindest ich tun werde: Ich verlasse die Stadt und ziehe mich auf mein Gut zurück. Ich habe dem Grafen einen Eid geschworen, nicht seiner Halbschwester. Und ich werde mich daran halten und die mir Anvertrauten schützen. Soll sie doch mit ihrern Garderatten hier in der Stadt bleiben, wenn die melanschen Truppen landen. Wer folgt mir?" Eine Lache wie Blut. Einige Blicke blieben für einen Atemzug daran hängen, dann jedoch stand zuerst zögerlich einer auf, der nächste schon rascher - und so fort, bis schließlich ein Großteil der Männer stand. "Das ist Verrat am Grafen!", rief einer von den übrigen, sprang auf und mit ihm einige andere. "Nein, Sir, wir haben keinen verraten." Manche wollten nach ihren Schwertern greifen, doch andere waren schneller. Nach einem kurzem aber heftigem Gefecht hatte die Überzahl der Ritter die Horantreuen überwunden und ins Land der Träume befördert.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, schwiegen alle einige Augenblicke, dann meinte einer trocken: "Das ist dann wohl das Ende des Ordens der Roten Schlange." Ein paar nickten oder murmelten leise Bestätigung. Der Wortführer ergriff wieder die Initiative: "Wir ziehen uns zurück, wie besprochen. Die Kasse der Roten Schlange werden wir an einem Ort im Dschungel verstecken, der wie geschaffen ist dafür. Und ab nun soll, wenn wir wieder zusammen treten, die grüne Schlange unser Zeichen sein..."
Die Fahrende
Ein Platz irgendwo im Reiche Britannia: Mehrere Bewaffnete übten sich im freundschaftlichem Messen in den Kriegskünsten. Die Mauern einer Festung warfen den Hall von Metall wieder, daß klirrend aufeinanderschlug. Einige Bäume spendeten den bereits Erschöpften Schatten. Einer dieser Ruhenden bemerkte die Gestalt zuerst, die langsam auf den Platz geritten kam. Das Reittier war ein kräftiger Rappe, dem es recht leicht fiel, seine Last zu tragen, bestand diese doch nicht aus einem großen Krieger, sondern lediglich aus einer Frau. Jedoch, und das war leicht festzustellen, einer etwas ungewöhnlichen: Eng an ihren Körper schmiegten sich die in der Sonne blinkenden Platten und Geschübe eines Harnisches. Am Sattel hing ein Schild, der eine grüne Schlange, sich um ein Schwert schlingend, auf schwarzer Scheibe vor grünem Grund als Wappen auswies. Neben ihm war ein Helm befestigt, so daß das Haupt unbedeckt war. So wehte der Wind einige Strähnen aus dem bis auf den tiefblauen Umhang fallenden, dunkelbraunen Haar der Frau, die leicht vorgebeugt im Sattel saß, mit der einen gepanzerten Hand die Zügel haltend, mit der anderen eine quer über den Knauf gelegte Lanze vorm Abrutschen hindernd.
Rückblick:Suche
Alles war hinweggebrochen. Nach der Herrschaft folgte der Sturz, nur hatte sie nicht damit gerechnet. Und sie fühlte sich verraten. Sie dachte nicht gerne an diese Zeit zurück, aber eines wußte sie so sicher wie Zwerge klein sind: Wenn sie dieser intriganten Schlange noch einmal begegnen würde, dann schnitte sie ihr den Kopf ab. Tyrael, mache, daß mir das erspart bleibt...
Der Pfad führte sie langsam höher ins Gebirge hinein. Sie kannte diesen Weg recht gut. Er führte zu ihrem Geburtsort - Zackbergen, das Dorf ihres Vaters, von den Jahrhunderten vergessen und so geblieben, wie es war, obwohl im Lande sonst die Kriege der großen Ordensarmeen tobten. Schlichtweg zu unwichtig. Ihre Blicke fielen auf den Wehrturm, das Dorf in seinem Schatten und die kleine Palisadenbefestigung darum. Es sah noch immer so aus wie damals, als sie zuletzt hier war. Nur fehlte der Schnee.
Damals war sie nicht hinuntergeritten ins Tal. Sie war nicht so weit gewesen. Aber jetzt wußte sie nichts weiter - und ihren Part hatte sie erfüllt. Mit einem Lächeln fiel die Hand auf das Schwert an ihrer Seite. Ja, sie hatte ihre Schwertleite erhalten und war nun frei. Und wahrscheinlich würde dieser picklige Spund sie nun auch nicht mehr haben wollen, mit dem sie als junges Ding vermählt werden sollte. Sie hatte sich verändert.
Der Anbruch des naechsten Morgens stimmte Alsaron seltsam euphorisch. Sein Entschluss stand fest, er wuerde versuchen, wieder einen Sinn in sein Leben zu bringen; etwas, was Ordnung schaffte, das Gefuehl, ein Ziel zu besitzen. So brach er nach einer kurzen Mahlzeit auf, ein Breitschwert und einen staehlernen Schild auf den Ruecken gebunden. Ein sanftes Laecheln huschte ueber seine Lippen, als er sich mit einigen freundlichen Worten von der Wirtin verabschiedete. Fast warf ihn der Gedanke, dass dies das erste ehrliche Anzeichen von Freude seit langem war, in seine bisherige Melancholie zurueck, doch war der Glaube an die Zukunft staerker. Weit war das Hallen seiner kraeftigen Schritte auf dem Steinernen Pflaster zu hoeren, als er sich seinen Weg durch die Srassen Britains bahnte. Nur ein verdutzer Ausdurck stand auf dem gesicht der Wache, als der schwerbewaffnete Krieger die Tore zum Uebungsplatz passierte und zielstrebig auf die Mitte des Platzes zuhielt. Es fiel ihm nicht schwer, sich zurechtzufinden, denn die Sprache der Kaempfer war doch ueberall die selbe, egal ob nun auf einer kleinen Insel oder auf den Plaetzen der Hauptstadt. Schnell einigte man sich auf einige kleinere Uebungen, die mehr der Erinnerung der alten Faehigkeiten, als dem Erlernen neuer galten. Mit einem leichten Schmunzeln auf dem Gesicht musste er feststellen, dass er vielen der Jungspunde noch immer ueberlegen war, auch wenn er schon lange ausser Uebung war. Nach einiger Zeit betrat eine bereits geruestete Kriegerin den Platz, die sofort sein Interesse auf sich zog. Ihr Gang, Ihr Blick, alles deutete daraufhin, dass sie keinesfalls die einfache Kriegerin war, die man in solch einer Ruestung erwarten wuerde. Bei genauerem Hinsehen kam noch hinzu, dass die Ruestung, wenn auch aus einfach Materialien gefertigt, dennoch einige Merkmale weit besserer Verarbeitung aufwies, die nur wenige Schmiede zu erarbeiten vermochten. Gemessenen Schrittes naeherte er sich Amayris, imemr die Kaempfenden so gut es eben ging umgehend.
Als er auf sie zukam, bemerkte Amayris den Krieger. Langsam glitt sie aus dem Sattel und kam mit einem leisen Klirren der Rüstungsteile auf dem Boden auf. Die Lanze lehnte sie an das wie versteinert dastehende Pferd. "Ich habe euch beobachtet. Ihr scheint nicht recht zufrieden zu sein mit euren Übungspartnern, habe ich Recht? Was haltet ihr davon, wenn ihr einmal mit mir die Klingen kreuzt..?" Der andere ließ es sich nicht zweimal sagen und so kam es zu einem zwar freundschaftlich aber recht hart geführten Kampf. Die beiden Kombatanten erwiesen sich als annähernd gleichwertig, keinem gelang es wirklich, einen merklichen Vorteil zu erringen - bis schließlich eine Platte an des Kriegers mit einem häßlichem geräusch barst. Sofort brach Amayris den Kampf ab. Es zeigte sich allerdings, daß er nicht ernstlich verletzt war, dennoch war seine Rüstung schwer beschädigt. Zum Ausgleich luf Amayris ihn ein - inzwischen hatte sie ihn wiedererkannt. Offenbar einer der Ordenskrieger von ihrer ehemaligen Insel.
Die Entdeckung
Vor ihnen erhob sich der Umriß eines alten Gemäuers, von Links angestrahlt von den letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Früher einmal war es wohl ein Küstenwachturm, der diese Landspitze als befestigten Aussichtspunkt markierte und sicherte. Doch dieses früher mußte schon eine gute Weile her sein, denn vom Dach war keine Spur mehr, die Steine der Zwischendecke begannen herauszufallen und vom Dach gar war keine Spur mehr zu finden. Dennoch war dies genau das, wonach sie solange gesucht hatten:
Die Steilküste machte Angriffe von einer Seite annähernd unmöglich, so daß das Kliff nur in eine Richtung verteidigt werden mußte mit schweren Mauern. In der näheren Umgebung gab es außer viel wildreichem Wald wenig anderes, vor allem keine anderen Landherren im Umkreis von vielen Tagesritten. Und die Grundmauern des alten Turmes konnte man sogar noch verwenden. Lady Amayris sah zu ihrem Begleiter und nickte ihm mit einem zufriedenem Lächeln zu. "Ich glaube, wir haben es gefunden: Dieses Land hatte bislang noch keinen Herrn. Wir sollten einige Leute anwerben und diese Ruine zu einem festem Sitz ausbauen. unten, am Fuß der Burg könnte man auch einige Siedler ein Dorf errichten lassen dann." Sie gab ihrem Pferd die Sporen und ritt die Steigung zum Turm das letzte Stück hinauf. "Was wartet ihr, mein Waffenmeister? Es gibt viel zu tun..." Mit der Hand winkte sie Alsaron heran. "Heute lagern wir zum ersten Mal in den Mauern meiner zukünftigen Burg!"
Rückblick:Heimat
Sie hatte für einiges an Aufsehen gesorgt, als sie in voller Gestechrüstung den Weg hinabgeritten kam, daß Haar gleich einem Banner im Winde wehend, die Lanze mit einem Wimpel aufrecht gehalten. Ihr Weg hatte sie sofort zum Turm des Junkers geführt und sie hatte Einlaß gefordert.
Ihr Vater war doch um einiges überrascht, als er ihrer zum ersten Male nach mehreren Jahren wieder ansichtig wurde. Triumphierend lächelnd schwang sie sich von Schwarze Flamme der Ehrhaftigkeit, klopfte ihm auf den Hals um zu beruhigen udn wandte sich zu ihrem Vater um. "Vater, Tyrael zum Gruße. Die verlorene Tochter ist zurückgekehrt, um euch eure Wette als verloren zu verkünden." Der alte Junker nickte nur schweigend. Dann aber lachte er laut auf vor Freude und winkte sie heran. "Meine kleine Tochter ist zur Frau geworden und hat es tatsächlich geschafft, diesen alten Narren als solchen zu entlarven, indem sie ihren Kopf durchgesetzt hat. Nun, dann nur herein, Lady Amayris von Zackbergen!" Etwas leiser setzte er dann, als sie gerade an ihm vorbeistapfte, noch hinzu: "Willkommen zu Haus, Töchterchen..."
Das Vermächtnis
Eine kleine Gruppe Menschen führte ihren Kampf gegen die Unbilden des Dschungels auf der südlichen Inselkulisse. Immer wieder fuhren die Klingen von Haumessern gegen das dichte Gestrüpp aus Lianen und widerspenstigen Bodengewächsen. Mühsam war das Vorankommen und die Söldlinge schwitzten. Die meisten hatten deswegen ihre Lederpanzer abgelegt und arbeiteten sich mit freiem Oberkörper durch die grüne Hölle. Das nutzten zahlreiche kleine Tierchen aus und bissen und stachen die ungeschützten Menschen.
Trotz der warmen, schwülen Luft trug eine der Personen eine feste Metallrüstung. Eine Frau war es, deren reichlich zisilierter Brustpanzer sie als die Anführerin der Expedition darstellte. Ihr schien dennoch die Hitze etwas weniger auszumachen als den anderen, dennoch hatte sie sich die Haare zu einem Pferdeschweif zurückgebunden. Momentan saß sie auf einem umgestürzten Baumstumpf, der moosbewachsen einen bequemen Sitz abgab. Auf ihren Beinen hatte sie eine lederne Karte ausgebreitet, die sie gerade zweifelnd betrachtete, immer wieder versuchte, einen Blick durch die Schneise auf Sonne und Berggipfel zu erreichen, wohl um die Position zu bestimmen.
Mit einem Male kam es vorne bei den Hauern zu einiger Aufregung und ein junger Mann kam nach hinten gelaufen. Sein gesiht drückte einiges an Freude aus, als er nach vorne deutete: "Wir haben eine Ruine gefunden, Lady Amayris, ganz eingewuchert. Aber keine der Pflanzen kann älter als ein paar Jahre sein." Die Ritterin sprang auf, steckte die Karte hastig in ihren Gürtel und rannte nach vorne, wo die Söldlinge eine Gasse bildeten. Tatsächlich, der Dschungel hatte alte Mauern freigegeben. Amayris zog ihr Schwert und begann, die das gebäude weiter freizulegen, bis sie einen schief im Rahmen hängenden eisernen Torflügel sah, der mit Schlangensymbolen verziert war. Kurz tippte sie dagegen und ein metallenes Schaben war alles, was das rostige Relikt noch von sich gab. Sie wandte sich an den jungen Mann. "Jaggard, du kommst mit. Der Rest kann sich eine Weile ausruhen. Im inneren war es Dunkel. Die Fackel malte düstere Schattenbilder an die Wände. Das Innere des Baus bestand aus nur einem einzigen Raum, auch hier hatten sich Schlingewächse eingenistet, die aber ein trostloses Dasein fristeten. Auf einem Sockel im hinteren Bereich standen einige kleine Kisten, sauber zu einer kleinen Pyramide gestapelt und sichtlich weniger vom Zerfall betroffen als der Rest der Umgebung. Vorsichtig näherten sich die beiden den Truhen.
Das Schwert der Ritterin war schon die ganze Zeit über in ihrer Hand, nun jedoch krachte es auf eines der Schlösser herab, das klirrend zerbarst. "Jaggard, öffne den Deckel...", gab sie trocken und mit leicht belegter Stimme Anweisung. Ihr Knappe tat, wie geheißen und zog den knarrenden Deckel auf. Seine Finger suchten eines der Bänder der darin enthaltenen Scäkchen und zog es auf. Es klimperte leise udn einige Goldstücke fielen in seine Hand.
Amayris zog die Luft scharf ein, nickte einmal zufrieden, schlug dann den Deckel wieder zu und bog mit dem Schwert die Öse krumm, so daß der Deckel nicht mehr zu heben war. Leise sagte sie: "Hol die anderen. Alleine werden wir dies nicht abtransportieren können..."
Rückblick: Aufbruch
Wie sehr sie sich verändert hatte, wußte sie erst nach der Abreise aus ihrem Heimatdorf. Sie hatte sich mit ihrem Vater grundlegend versöhnt. Von der aufgezwungenen Heirat war keine Rede mehr. Sie hatte auch die Vermutung, daß sie einfach nur zurückkehren hätte brauchen, ohne gegen alle Widerstände als Frau zum Ritter werden zu müssen, um wieder aufgenommen werden zu müssen. Ihr Vater schien aber jetzt nur umso stolzer zu sein auf sie und die langen Abende, die sie im Gespräch verbrachten, waren sehr angenehm für sie. Ihr Vater konnte gar nicht genug haben von ihren Erlebnissen. Sie erzählte von ihrem ersten Schwertlehrer, dann von den Zeiten im Gefolge des Grafen von Horan, von den Unruhen auf der Insel und ihren Fahrten über alle Lande, die sich vor ihr auftaten.
Aber irgendwann merkte sie, daß sie nicht mehr hierher gehörte. Zackbergen war zu klein geworden für sie. Tagein, tagaus immer das gleiche und für sie dabei nichts zu tun. Nun, sie vertrieb sich die zeit damit, daß sie in den Wäldern pirschte und auch das eine oder andere Stück schoß, aber insgesamt begann sie schlichtweg, sich zu langweilen. Für sie gab es eine Aufgabe - nur nicht hier. Und so ritt sie eines Morgens wieder über den Paß, hinaus in die Welt.
Das Werk
"Na los, Soldat, zieh es schon auf!", schallte der Ruf vom Hof hinauf zum Turm. Der Mann nahm beherzt die Schnur zur Hand und zog in gleichmäßiger Geschwindigkeit daran. Ein Banner erhob sich an dem Flaggenstock: Eine grüne Schlange, die sich um ein Schwert wand auf schwarzer Scheibe vor grünem Grund. Zufrieden nickte die Burgherrin. Dies war ihr Wappen: Grün für die See des Südens, darauf das Silber für den Reichtum der alten Grafschaft Serpents Hold, geschwärzt von vielfachem leid. und die Schlange, grün in Antagonie zu den Grafentreuen damals entstanden und ihr nun gleichsam zum Wappen geworden. Sie drehte sich langsam um - sie war am Ziel.
Aus dem Erbe des Bundes der grünen Schlange, aus dem Gold des Rotschlangenordens, war ihre Feste entstanden. Sie war die letzte der alten Gemeinschaft von edlen Aufrührern, es war ihr Gold. Und sie wollte im Andenken an die Gefährten aus glücklicheren Tagen ein Heim schaffen für wahre Ritterlichkeit. Ein Heim für Traditionen und Menschen, die sich in ihren Schutz begeben wollten.
Ihr Blick schweifte über Burg Landsend, ihr Werk: Zur Steilklippe hin sicherte eine Brustwehr aus Holz vor Absturz. Nun, die Stämme waren dick genug, um auch etwas Beschuß auszuhalten, wenn denn jemand von dort unten, vom Meer aus, sie angriffe. Schwerer war die Befestigung zum Land hin. In einiger Entfernung zum direkt auf der Spitze stehenden mächtigen Bergfried, dem alten, wieder instandgesetztem Wachturm, erhob sich eine starke Mauer, unterbrochen von einem befestigtem doppeltem Tor direkt neben der Nordschanze. Direkt in die Mauer integriert war auch der Palas, der mit seinem Abgeflachtem Dach und dem Zinnenkranz faßt als weiterer Turm gelten konnte. Unten, vor der Mauer ertönte in der daran gebauten Schmiede der Hammerschlag Meister Ikomarius', dem gegenüber grasten auf der kleinen Koppel die Pferde der Burgbesatzung. Sie hatte einige Soldaten angeworben, zumeist jene Söldner, die schon mit ihr im Dschungel waren. Teile der Arbeiter vom burgbau waren geblieben und hatten sich in einem kleinen Dorf am Fuße der mauer angesiedelt.
Ihre Lippen formten leise die alten Prinzipien des Lehensadels: "Rat und Tat - Schutz und Trutz..." Dann schüttelte sie leicht den Kopf und setzte noch hinzu: "Wehr und Ehr!"
Sie war am Ziel. Doch dunkle Wolken zogen auf...
Stürmische Zeiten
Lange hatten die Nachrichten gebraucht, bis sie an ihr Ohr drangen. Die derzeitige politische Lage hatte sicherlich ihren großen Teil dazu beigetragen, aber auch die Entfernung war nicht gering zwischen ihrer Festung und der Königsstadt. Außerdem lebte man auf Burg Landsend recht abgeschieden.
Und das hatte sich in den letzten Wochen als Glück für sie und ihre paar Handvoll Untertanen erwiesen: Die Söldnerheere waren auf ihrem Weg in genügender Entfernung an diesem Ort vorbeigezogen.
Die Burgherrin erhob sich schwerfällig von ihrem Platz am Kopfende der großen Halle und durchmaß diese bis hin zum Kamin. Schwerfällig nicht, weil das Alter oder ein Leiden an ihr zerrte, schwerfällig, weil sie fast körperlich meinte, die LAst auf den Schultern zu spüren, die diese Situation mit ich brachte. Mit der Hand stützte sie sich am Kaminsims ab und schaute in die Flammen. Die Burg war verteidigungsbereit. Auf dem Burghof hatten die Bewohner der weiter abgelegenen Gehöfte schon ager aufgeschlagen. Die Vorräte waren ausreichend bemessen, die Mauern stark, genug Öl gelagert und auch Pech, Steine auf den Zinnen, die man herunterstürzen konnte auf Angreifer und die Burgwache gut geübt.
Dennoch würde Landsend einem entschlossenem Unternehmen des großen Namoth nicht lange standhalten können. Das war der Kriegerin in ihr schmerzlich bewußt und ließ sie seufzen. All die Träume, vernichtet? Nun, sie hatte sich darauf eingestellt, im Untergang, so er denn unvermeidlich wäre, ihrem Bezwinger so viel Pein wie möglich zu bereiten. Und dann kam da plötzlich die Nachricht von Lamarits Krönung und den Ankündigungen, die er verlauten ließ. Er wollte die Ritterschaft wieder um sich scharen - eine Sache, die Melan I. Zeit seiner Regierung nicht zuwege gebracht hatte. Und das gab ihr zu denken. Sollte - nein, konnte sie es wagen, an seinen Hof zu ziehen. Konnte er vielleicht gar Unterstützung schicken? Wollte er es? Er war so fern und Namoth so nahe...
Und dann noch die Frage ihrer Person. Man hatte sie in der Königsstadt einst Verräterin geschimpft. Und letztlich hatte ein Gardist gar ihre tyraelgegebenen Rechte anzuzweifeln gewagt. Hier indes wurde sie geachtet - und die Leute brauchten ihre Führung. Einige würden ihr bis in den Tod folgen, da war sie sich recht sicher, die meisten indes vertrauten auf ihre Stärke. Aber sie war sich unsicher, auch wenn sie es nicht zeigen wollte.
Tja, Amayris, Ritterin, Herrin auf Landsend und ehemals Protektorin von Serpents Hold - was nun? Was wird dein nächster Schritt sein? Die Hand auf dem Kaminsims ballte sich allmählich zur Faust. Was?
Und dann kam der Tag: Eine Streife der namother Armee zog die Küste entlang und fand schließlich die Festung und das Dorf:
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Schlußendlich wurde sie aus ihrer Abwartehaltung gezwungen und mußte sich Namoth stellen. Lange schon war ganz Landsend ein einziges Lager von Verteidigern und das sollte ihr Trumpf sein. Man gewährte ihr die gewünschten Verhandlungen zu Düsterhafen und Amayris, die Herrin von Landsend, sollte die Herrin von Landsend bleiben. Nun war sie eine Vasallin Namoths, aber die düsterhafener Beamten waren angewiesen, ihre Finger aus inneren Angelegenheiten des Dominiums Landsend zu halten. Die Lehensabgaben waren erträglich und die Heerfolgepflicht ein geringer Preis für die Verschonung des Dorfes. Vielleicht taten sich so ja sogar neue Möglichkeiten auf? Landend in der Namother Heerfolge:
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Doch wer sich neue Freunde macht, macht sich auch neue Feinde:
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Dazu dann noch die Feinde der neuen Verbündeten. Auch Landsend wurde nicht verschont von der generellen Mobilmachung zur Zerschlagung der Horde des Todes, als sie ihre bleichen Finger ausstreckte anch dem Fleisch der Lebenden. In mehreren Schlachten schlugen sich Landsender Aufgebote unter ihrer Führung. Doch wahr es ein anderes Ereignis, welches sie persönlich viel mehr in Anspruch nahm
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Das Ansinnen sollte gelingen. Gemeinsam mit den unwahrscheinlichsten Verbündeten auf namother Boden, einem Diener des Lichtes und seinen Waffenfreunden, gelang es ihr, den Wunsch des alten Freundes zu erfüllen. In einem Gefecht nahe des evakuierten Dorfes wurde der letzte Untotentrupp auf namother Land zerschlagen und die Gebeine des Agon di Balliguri fanden ihre letzte Ruhestätte auf der Burg der ritterlichen Freundin. Seine Seele konnte in Tyraels Paradies einkehren.
Die Herrin von Landsend stand auf der vorderen Bastion und warf einen Blick über ihr Land. Von der Festung hatte man bei klarem Wetter eine wunderbare Sicht auf die umliegenden Gegenden, konnte die Küste anch Norden und Westen hin ausnehmend gut beobachten. Bei den Göttern, der Standort war wirklich optimal. Das machte die Festung zu einem strategisch wichtigem Punkt - und ihr damit Sorgen.
War ihre Bereitschaft, diesen Gast aufzunehmen, etwas voreilig gewesen? Man hatte sie bei der Ehre gepackt und sie hatte zugesagt, die Frau zu beherbergen. Als Amayris ihren Rundgang fortsetzte und den Soldaten, die auf den Zinnen Ausschau hielten, jeweils kurz zunickte, spann sie Gedanken fort. Die Schreiberin war schon einmal hier gewesen. Allerdings glaubte sie nicht so recht, daß sie eine Schreiberin war. Recht offensichtlich verbarg diese Yerabeth Jerean etwas vor ihr - und das machte Amayris wiederum mißtrauisch.
Langsam stieg sie die Stufen der engen Wendeltreppe hinab. Nur jede Windung einmal warf eine Schießscharte licht in den sonst düsteren Aufgang. Ihr Kettenhemd untermalte die Szenerie klirrend. In ihren Grübeleien fuhr sie so fort: Das Dumme war nun aber, daß sie diese Frau brauchte, um diesen Attentäter verfolgen zu können. Sie war sich relativ sicher, daß der Ring nicht von Yerabeth Jerean stammte. Zum einen hatte der Ordensmann von den Verdammten das bestätigt und zum anderen wollte sie nicht glauben, daß Jerean so dumm oder so tolldreist war, dann mit dem besonderen Geschenk zu ihr selbst zu kommen.
Also hieß es, sich der Frau zu versichern. und das ging hier auf Burg Landsend sicher besser als wenn Jerean ihrer normalen Beschäftigung in ihrer Heimatstadt nachginge, denn dort hatte die Herrin von Landsend keinen Einfluß. Eher das Gegenteil war der Fall, wie ein hoher Offizier ihr unter dem Mantel der Ritterlichkeit einmal warnend versichert hatte. Sie hob die behandschuhte Hand vor die Augen, als sie durch einen kurzen Gang in den Hof hinaustrat und die Sonne sie kurz blendete. Sie sah sich kurz um und nahm das geschäftige Treiben um sich herum wahr. Von der Schmiede her war das Dröhnen des Ambosses zu hören, ein Bursche fütterte die Pferde, zwei MÄgde waren am Brunnen damit beschäftigt, KLeidung zu waschen. Vom Backhaus her sog sie den köstlichen Geruch frischen Brotes in die Nase.
Ihrem Lehen ging es gut. Die Öffnung nach Namoth hin hatte einen gewissen Wohlstand gebracht durch den Export an Holz und Erzen für die immer gierige Kriegsmaschine des Reiches sowie durch die günstige Lage direkt zwischen den beiden größten Städten Namoths. Sie hatte systematisch die Küste von Piratennestern gesäubert und das unberührte Land war von Siedlern in Anspruch genommen worden, die seit der Öffnung zahlreich zu ihr geströmt waren. Kontinuierlich hatte sie in den letzten Jahren auch stets die Wehrhaftigkeit ihrer Dominiums gestärkt.
Es gab also viel zu sehen, was interessant war. Aber sie wollte nicht so recht glauben, daß es der Jerean um solche Informationen ging. Zumal es viel leichter sein mußte, auf anderem Wege an solche zu kommen als durch die Entsendung eines namentlich bekannten Spions, der noch dazu nicht völlig frei vom Mordverdacht war. Nein, das Geheimnis der Frau lag in ihrer Zugehörigkeit zu irgendeiner Sekte. Da war die Kriegerin sich relativ sicher. Es wäre interessant, herauszufinden, welche das war. Jedenfalls keiner der gemeinhin bekannten Götter, soviel hatte sie aus den äußerst vagen Andeutungen entnommen.
Inzwischen hatte sie den Hof durchmessen und stieß die Tür zur hohen Halle auf. Ihre Augen brauchten etwas, um sich an das Düster dahinter zu gewöhnen, dann trat sie ein. Ihre Schritte waren nun beschwingt, sofern die leichte Rüstung es zuließ. Ja, sie mußte sich eingestehen, sie freute sich sogar auf die Abwechslung. Die letzten Monate waren glücklich gewesen aber auch ein wenig zu friedlich. Seit der Invasion der Untoten und der Zerschlagung der marodierenden Reste des großen Heerwurms hatte es keine Arbeit für eine Kriegerin mehr gegeben.
Aber so ein ungewöhnlicher und vielleicht gefährlicher Gast mochte Abwechlung bieten. Und bei den Göttern, ein gepflegtes Gespräch bei einer Partie Schach und etwas Wein war etwas, was sie in diesen letzten Monden auch schmerzlich vermißt hatte, in denen ihr Waffenmeister oft in ihrem Auftrag fern der Burg zu tun hatte oder aber sie selber in Düsterhafen ihre Angelegenheiten regelte.
Zwar begann sie die Unterhaltungen mit Yerabeth zu genießen, doch bitter sollte sich ihr Wunsch nach Aufregung bewahrheiten:
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Auf zu neuen Ufern!
"Sterbt ihr jetzt?"
Das war die Frage gewesen, die die Schreiberin Amayris gestellt hatte. Berechtigt, denn die Herrin der Burg, in der diese Worte gefallen waren, lag im Sterben, daran bestand kaum ein Zweifel, auch wenn Amayris es sich nicht hatte eingestehen wollen: Der Bolzen und das Gift darauf nagten hart an ihrem Lebensfaden und in dem Augenblick, als Yerabeth diese Frage stellte, war er schon recht ausgefasert.
Pietätlos vielleicht, aber ihr war diese Äußerung in dem Augenblick fast egal. Der nahe Tod hatte ihr Dinge gezeigt, die sie lange vor sich selber versteckt hatte. Sie brauchte jemanden, mit dem sie ohne die Schranken der Folgsamkeit darüber reden konnte und derzeit gab es genau nur eine Person, die sie genügend kannte und der sie doch genügend fern war. Noch dazu behauptete diese, eine Priesterin zu sein, also sollte sie sich als solche nützlich machen.
Die Wahl war nicht schlecht gewesen. Der seltsame Gast der Burg hatte sich nicht von Respekt blenden lassen und hatte beharrlich ans Licht befördert, was sich Amayris schon eingestanden hatte. In ihrem Streben, das eigene Schicksal immer selbst zu bestimmen war sie dahin gekommen, sich von einem starken Panzer aus Unnahbarkeit einhüllen zu lassen. Sie wollte immer beweisen, daß eine Frau ebensoweit gelangen konnte im Kriegshandwerk wie jeder Mann und hatte darüber ihre Weiblichkeit vollkommen verleugnet. Die Zahl ihrer Jahre trug als erste Ziffer eine 3... und sie hatte sich nie einem Mann hingegeben, aus Furcht, ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Einmal hätte es soweit kommen können, vor vielen Jahren, aber die Geschichte der Welt hatte mit klirrenden Schwertern und stampfenden Heeren einen festen Riegel vor diese Möglichkeit gelegt.
Und nun? Sie hatte vor der Gewißheit gestanden, daß alles vergeblich gewesen war, was sie je getan hatte. Ihr Reich würde nach ihrem Tod an Namoth fallen und das, wofür sie gekämpft hatte, verloren gehen. Sie hatte niemanden derzeit, der ihr Tun fortsetzen konnte, keinen Erben, keinen Nachfolger. Luitgardis vielleicht irgendwann, ihre Knappin. Aber diese mußte erst selber noch reifen. Und das Schlimme war: Landsend war alles, was sie, Amayris, definierte. Sie war hier die Herrin, unumschränkt - und sonst war sie nichts mehr. Mit Alsaron war der letzte ihrer Freunde gegangen, von denen sie nie viele hatte.
Rauhe Lippen hatten einem Entschluß auf die Beweisforderung hin Ausdruck verliehen, noch völlig geschwächt war sie gewesen, als sie Yerabeth den geforderten Kuß lieferte. Warum es ausgerechnet dies war, was sie von Amayris verlangt hatte, wußte diese nicht, aber die Burgherrin gab den Preis. Auf gewisse Weise hatte das ja ihrem eigenem Entschluß entsprochen. Sie mußte beginnen, ihr Leben wiederzufinden. Vielmehr, es überhaupt finden, abseits von Stahlklirren und Herrschaft. Das sie den Panzer ein Stück weit geöffnet hatte und jemanden gefunden hatte, dem sie ein vertrautes Du angeboten hatte, war sicherlich ein guter Schritt. Aber es war erst der erste auf dem neuen Weg.
Das alles war nun einige Tage her. Wie es Yerabeth prophezeit hatte, war sie wieder zu Kräften gekommen. Mit ihren geheimnisvollen Mächten, die ihr diese nächtliche Göttin verlieh, hatte die Frau, die sich als Schreiberin gab, das Gift aus dem kranken Leib gezogen und sofort hatte die rasche Genesung eingesetzt. Die Schulter schmerzte noch immer ein wenig und einige Tage würde sie noch keine Rüstung tragen können sondern nur leichte Kleidung. Aber das war ihr gleich und kam ihr sogar entgegen.
Entschlossen warf sie die Decke ihres Krankenlagers zurück und rief anhc ihrer Zofe. Sie hatte lange genug grübelnd im Bett gelegen und fühlte sich nun reif für den zweiten Schritt. Sie würde dorthin gehen, wo sie nicht mehr sein konnte als eine einfache Frau, dorthin, wo keine Macht und kein Ruf an ihre Person gebunden wurde und werden durfte. Und nach langen Jahren würde sie vielleicht einmal wieder zu Tyrael beten, offen und ehrlich. Sie hatte die Kathedrale von Britain noch nie in aller Pracht gesehen, seit diese fertiggestellt worden war...
"Uuund halt!" Auf das Kommando der Reiterin hin hielt die Kolonne an. Ein wenig holperig zwar und alles andere als eine geschlossene Einheit im Tritt, aber zumindest lief keiner dem anderen in die Hacken, was schonmal nicht schlecht war in Amayris Augen. Wieder trug ihre befehlsgewohnte Stimme über die Allmende vor dem Ort Landsend. "Liinks um, Reihen auseinander, feeertig machen!" Viele Füße kamen dem nach und es bildeten sich drei hintereinander gestaffelte Reihen aus der Kolonne Langbogenschützen. Sie nickte zufrieden. Der Blick schweifte ans andere Ende der großen Wiese, wo ein Stück mit Kalkstaub weiß eingefärbt war. Das war das Ziel. EIn Reiter signalisierte, daß alles in Ordnung sei und gab seinem Pferd dann die Sporen, um wegzukommen.
Amayris wandte sich wieder an ihre "Soldaten": "Auf das Ziel, indirekter Schuß, drei Pfeile pro Kopf, Hagel Reihenweise auf Reihenführer, los!" Einige Kommandos der Feldwebel folgten und jedes ließ einen Schwall Pfeile auf das Ziel zuschießen. Hunderte fanden so ihren Weg durch die Luft in schneller Folge und wo sie aufkamen würden sie jeden Panzer und jeden Schild durchdringen. Der Blick folgte der Flugbahn und Amayris schätzte in etwa ab, welche der Reihen wohl am treffsichersten war. Das Gesamtbild war auf jeden Fall zufriedenstellend. Ihre Leute waren immer noch wehrtüchtig.
Und auch sie selber war wieder bereit, mit dem Schwert voran zu gehen, sollte das notwendig werden. Heute hatte sie zum ersten Mal seit einiger Zeit wieder ein Kettenhemd angelegt, ein Schwert gegürtet. Sie genoß das Gefühl, welches sie durchströmte, als sie auf dem Rücken des nachtschwarzen Rappen saß und ihren Leuten beim Üben zusah. Der Zauber, den Ahmed, der Sohn Rashids, gewirkt hatte, hatte große Wirkung gezeigt. Über ancht war die Wunde fast verschwunden, nur eine kleine, schorfige Stelle, die nicht einmal mehr einen Verband brauchte, war zurückgeblieben. Gemessen an dem Zustand, in dem sie sich noch einige Tage vorher befunden hatte, war das ein recht verwunderlicher Umstand. Aber sie genoß ihn aus vollen Zügen. Sie fühlte sich so gut, wie lange nicht mehr.
Ahmed. Sie war eine Närrin gewesen. Soviel Glück konnte sie gar nicht mehr haben nach den letzten Wochen, daß ihr Wunsch sich so schnell und einfach erfüllen ließe. Wie ein kleines Mädchen hatte sie sich verhalten und ärgerte sich jetzt maßlos darüber, wie sie so naiv sein konnte. Nun, sie hatte an Yerabeths Worte gedacht und wirklich versucht, ihnen zu folgen. und tatsächlich hatte ja in dieser Nacht alles stimmen wollen. Es war wie aus einem Buch abgeschrieben: Die Stille, die Sterne, ihr Herzklopfen. Bis zu dem Punkt, an dem ein anderer Name gefallen war und sie ihre Enttäuschung nur mühsam verbergen konnte. Aber immerhin eines hatte sie gewonnen: Die Bekanntschaft eines Mannes, der trotz aller Wiedernisse ein angenehmer Freund sein könnte.
Ein Freund? War es das wirklich alleinig? Er hatte sie in ihr Gemach begleitet, aber schicklich vor der Tür gewartet, bis sie umgezogen war für die Nacht. Bis sie bereit war, seinen Heilzauber auf sich zu nehmen. Und da war der Punkt, an dem sie begann, an dem zu Zweifeln, was wirklich gewesen war. Ihre Wunde war fast verschwunden, also hatte er tatsächlich einen Heilzauber gewirkt, ohne Zweifel dies. Aber was hatte er danach noch getan? In ihren Erinnerung war noch etwas weiteres so präsent wie der Rest des Abends. Aber ein Schleier lag darüber, als wenn es nur ein Traum gewesen wäre. Doch hatte sie seine Lippen an ihrer Haut gespürt, hatte die Erinnerungen an einen innigen Kuß und ein warmes Glühen des Körpers, als wenn... ja, konnte es sein? Ohne Frage konnte es das! Sie hatte sich vielleicht doch nciht getäuscht in seinen Gefühlen, nur in der Wahrheit seiner Worte. und Ahmed ibn Rashid war ohne Zweifel ein Magier von beachtlicher Macht. Sollten diese Fetzen der Rest von vernichteten Erinnerungen sein, Erinnerungen an eine Nacht, wie Amayris sie sich gewünscht hätte, an die sie sich aber nicht erinnern durfte, um der anderen FRau willen? Ahmed war ein Magier, rief sie sich in Erinnerung, und Magiern war wohl alles zuzutrauen.
Sie gab Flamme zu verstehen er solle sich in Bewegung setzen und lenkte ihr Streitroß hinüber zu Luitgardis, ihrer Knappin, die ihrerseits etwas entfernt dem Schauspiel beiwohnte. "Luitgardis, du wirst dich ein wenig im Waffengang zu Fuß üben. Sag Gaffron, er soll dein Gegner sein oder auch Esme von mir aus. Hauptmann Flint! Ihr übernehmt die Übungen!", rief sie dann noch zu ihrem Burgoffizier hinüber. Schmerzlich stach ihr der Gedanke in die Brust, daß dies früher Alsarons Platz gewesen wäre. Während hinter ihr der Hauptmann seine Befehle rief, lenkte sie Flamme auf den Weg zur Burg hinauf. Ihre Untergebenen würden schon alleine auskommen. Sie hatte noch Dinge zu erledigen, die zumindest ebenso wichtig waren für sie im Augenblick.
Britannische Nächste
In den letzten Tagen hatte sich Amayris angewöhnt, keine Hilfe von den Zofen in Anspruch zu nehmen, um sich bettfertig zu machen. Sie kam inzwischen um einiges besser zurecht mit dem Kleid und den verschiedenen Problematiken, die damit einhergingen. Wie von selbst kehrten allmählich frühere Reflexe zurück, die sie so lange vernachlässigt hatte. Der schwerere Grund allerdings war, daß sie in den letzten Tagen einen recht eigenartigen Tagesrythmus angenommen hatte. Wenn das Tagwerk soweit erledigt war, hatte sie begonnen, sich umzukleiden und einen der teuren Alchemistentränke zu nutzen, der sie nach einer kurzen Phase des Schwindels ein wenig benommen an einem anderen Ort wieder auftauchen ließ. Dieser Ort war in diesem Fall Britain, die Hauptstadt des feindlichen Königs. Doch sie hatte festgestellt, daß sie offensichtlich unsichtbar war. Sie hielt sich unauffällig und mit dem für sie selbst noch ungewohntem Äußeren schien niemand Verdacht zu schöpfen.
Das erste Mal hatte sie nach einigem Nachdenken einen Rat befolgt, den ihr Yerabeth gegeben hatte, als das Gift die Herrin von Landsend ans Bett genagelt hatte. Und außer der seltsamen Jungmagierin aahl Guuhl, mit der sie in Düsterhafen selbst einmal Schach gespielt hatte und die sie an der Kathedrale getroffen hatte, erkannte sie niemand. In einer ruhigen Taverne in der Nähe des Hafens hatten sich beide erneut lange unterhalten, bis es nur noch wenige Stunden bis Sonnenaufgang war. Früh morgens war sie zurückgekehrt in die heimatliche Burg und war wie ein Stein ins Bett gefallen, um bis zum Mittag zu schlafen.
Am nächsten Abend kehrte Amayris von einer inneren Unruhe getrieben wieder an den Ort zurück, an dem sie ihren eigenen Konventionen zu entfliehen suchte. Dies war wohl die schicksalsschwerste Nacht seit der des Attentats auf sie und der Ermordung Alsarons. Unverhofft lief ihr in einer der Gassen Yerabeth über den Weg. Die Ritterin wußte, daß diese in Britain ihre Unterkunft und ihr Auskommen hatte, dennoch rechnete sie nicht damit, sie tatsächlich auch zu treffen. In einer ruhigen Taverne in der Nähe des Britain durchschneidenden Flusses schließlich kam es zu einem Gespräch der besonderen Art. Yerabeth gelang es, Dinge zum Keimen zu bringen, die lange in ausgedörrtem Boden geruht hatten. und in der selben Nacht kam es zu dem Zusammentreffen mit Ahmed ibn Rashid, dem Magier - und dem Spaziergang, dem Zauber und den Fragen.
Am Abend des großen Wehrtages betrat sie den Königskrug in der Hoffnung, den Magier wiederzusehen. In ihr waren brennende Fragen offen geblieben und sie mußte sich Klarheit verschaffen um die Absichten ibn Rashids. Und das Glück war ihr hold: Tatsächlich kam es zu einem Zusammentreffen. Wieder erwies er sich als ein gesitteter und zuvorkommender Gesprächspartner und Amayris genoß das Gespräch mit ihm. Er schien sie verstehen zu können. Und dennoch mußte sie ihm die Frage stellen, die ihn in Entrüstung fahren ließ. Sein Aufbegehren reichte ihr zwar noch nicht, aber die Worte, die folgten, räumten Zweifel aus. Ahmeds Absichten schienen tatsächlich lauter zu sein und der Traum genau dieses: Ein Traum. Ein schönder Traum, wie sie sich gegenseitig eingestanden hatten, aber unerfüllbar.
Glück und Melancholie stritten sich in ihr. Unerfüllbar und doch schön. Und wie von einem Zwang beseelt, suchte sie erneut abends die wohlvertraute Schenke auf. Wieder hoffte sie, den Magier zu treffen. Aus welchem grunde, war ihr selber nicht recht klar, denn ihr Handeln entbehrte einer gewissen Rationalität. Doch schien es ihr einfach richtig. Doch sie waretete an diesem Abend vergebens und der Wein blieb bis Mitternacht der einzige Begleiter ihrer Einkehr. Bis dann aahl Guuhl die Terasse betrat. Was auf die Einladung folgte, war seltsam. Nach einigen seichten Anfängen eines Gesprächs wechselte das Thema schleichend zu philosophischen Betrachtungen über Gefahren aus anderen Realitäten. und plötzlich war das Gespräch beendet dadurch, daß die Magierin aufsprang und wie vom Dämon gehetzt die Scheke verließ. Zwar eilte Amayris ihr noch nach, aber als sich aahl Guuhl vom Zauber getragen in Luft auflöste, ließ sie eine verwirrte Adelsfrau zurück.
Was hatte das zu bedeuten? Mißtrauen war in ihrem Herzen gepflanzt und die Ereignisse ließen sie immer noch nicht los, als sie wieder einmal in den noch dunklen Morgenstunden in ihrem Gemach beschäftigt war, sich auszukleiden. Was hatte es damit auf sich? Was verbarg diese Frau - oder hatte sie etwas gesehen, was sie in Angst versetzt hatte? Hatte dies vielleicht mit ihr, Amayris zu tun? Gab es etwas an ihr, daß sie erschreckt hatte? In den letzten Tagen waren zwei mächtige Kräfte auf sie eingedrungen und hatten ihre Gesundheit wieder hergestellt. Lagen nun finstere Spuren auf ihr? Oder war es etwas anderes?
Nachdenklich ging sie zu Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.
"Amayris!"
Die Stimme klang hallend zu ihr, als würde sie durch einen langen Tunnel zu ihr sprechen. Es war die lockende Stimme einer Frau. Eine Stimme, die in ihrer Süße ihr irgendwie vertraut vorkam.
"Amayris!"
Diesmal war sie näher, klarer, aber immer noch hallte es nach, als wären beide in ein und demselben, dunklen Raum. Und dann trat das Gesicht in ihr Blickfeld. Das erste, was sich in ihr Bewußtsein brannte waren die Augen. Augen aus purem, blauem Eis, deren feste Blicke sich in ihre Seele zu bohren schienen. Die Lippen der Frau hatten sich leicht geöffnet zu einem erwartungsvollen Ausdruck auf dem ansehnlichem Gesicht, daß von einer wilden Mähne braunen Haares umrandet wurde. Das Blinken des reichen Schmuckes verblaßte neben dem Glanz der Augen.
Offenbar hatte gefallen, was diese gesehen hatten. Mit einem amüsiertem Tonfall war die leicht hallende Stimme wieder zu hören. "Du hast dich verändert, Herrin auf Landsend. Sehe ich da eine Spur von dem, was eingegraben war? Ich bin entzückt..." Das Lächeln wurde anzüglicher und die Spitze der Zunge fuhr über die Oberlippe, um diese anzufeuchten. Ein erwartungsvoller Ausdruck blieb zurück auf dem Gesicht, daß im Dunkel frei zu schweben schien, so nah an dem eigenen.
"Amayris, paß auf deine Schritte auf, sonst werde ich dich holen! Sie werden mich wecken und ich werde dich liebend verschlingen..." Die Warnung hallte mit einem amüsiertem Ton durch das Bewußtsein der Träumenden gefolgt von einem leisen, vergnügten Glucksen. Die Frau mit den eisblauen Augen legt den Kopf in den Nacken und begann lauthals und befreit loszulachen. Das Lachen steigerte sich immer weiter und halte aus allen Richtungen wieder, veränderte sich dann allmählich zu Hysterie und Agonie. Ein schauerliches Gebrüll erklang, als würde jemand bei lebendigem Leibe in siedendes Öl getaucht. Mit heftigen, ruckhaften Bewegungen schlug der Kopf hin und her, daß die Haare flogen. Schließlich starrten die eisigen Augen sie wieder an. Waren sie vorher schon durchdringend, so waren sie nun der Ursprung von Dolchen. Von innen heraus loderte ein dämonisches Licht. Haß, Zerstörungslust und Gier blitzten aus ihnen, das Gesicht war zu einer grotesken Fratze erstarrt, die Lippen weit zurückgezogen, ein mörderisches Gebiß enthüllend.
Ein gutturales Knurren war aus der hellen Stimme geworden. "Du wirst mein sein, Herrin auf Landsend." Der triefende Spott wurde immer wieder von nicht sichtbaren Wänden als Echo zurückgeworfen und hallte wieder und wieder...
Schweißgebadet fuhr Amayris aus den weichen Kissen ihrer Bettstatt hoch. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Im Mondschein flackerte einige Augenblicke nackte Angst in den eisblauen Seelenspiegeln. Unruhig huschten die Blicke einige rasende Herzschläge lang im Zimmer hin und her. Doch da war kein Dämon, der sie verschlingen wollte. Langsam beruhigte sie sich und stand auf, um das durchgeschwitzte Nachthemd zu wechseln.
Als sie wieder im Bett lag, kamen die Bilder zurück, doch außer einem leichten Schauer riefen sie diesmal, im wachen Zustand, nichts hervor denn eine tiefe Nachdenklichkeit. Was hatte dieses Traumgespinst zu bedeuten? Es war so klar gewesen. Sie konnte sich an jedes Detail erinnern. Das Gesicht vor Augen zu behalten war auch nicht sonderlich schwer für sie. Es war das eigene, vielleicht ein paar Jahre jünger als sie jetzt war. Aber die Gefühle, die ihr entgegengeschlagen waren, das waren nicht die eigenen.
Sollte der Traum etwas mit dem plötzlichen Aufbruch aahl Guuhls zu tun haben? Hatte die Magierin etwas gesehen, was damit zusammen hing? Und was überhaupt war dieses "damit"? Mißmutig stellte Amayris schnell fest, daß sie von derlei DIngen wenig verstand. Ihre Kenntnisse von übernatürlichen Erscheinungen waren im groben auf deren Vernichtung im Kampf beschränkt. Mit subtilen Mächten und Besessenheiten hatte sie bislang wenig zu tun gehabt. War sie besessen? Konnte es das sein? Aber ihr hätte doch etwas auffallen müssen. oder den anderen. Hatte man sie in irgendeiner Weise anders behandelt in den letzten Tagen oder Wochen? Hatte sie seltsame Blicke bekommen? Nun, die wenigsten ihrer Leute trauen sich wohl zu so etwas, sofern sie es mitbekommen konnte. Ihre Zofe hatte sich vor einigen Nächten einmal beklagt, als sie sie mitten in der Nacht zu sich gerufen hatte, um ihr beim Auskleiden zu helfen.
Nein, so kam sie nicht weiter. Sie brauchte den Rat von jemandem, der sich mit Übernatürlichem und Traumdeutung auskannte. Zu einem Priester wollte sie vorerst nicht gehen. Sie war in den letzten Tagen schon zu oft in deren Nähe und wollte nicht zu sehr riskieren, als Tyraelgläubige in Namoth gebranntmarkt zu werden. Aber ihr fiel spontan jemand anderes ein, der ihr vielleicht helfen konnte. Sie hatte schon viel von sich vor Ahmed offenbart. Und er war Magier und von einiger Macht in diesem Belang. Sollte es irgendein arkaner Fluch sein oder ein Dämon seine Klauen im Spiel haben, dann wäre sein Wissen und Können wohl eine große Hilfe. Und auch Yerabeth kannte sich wohl mit dunklen Kräften aus. Als Priesterin dieser nächtlichen Entiität hatte sie ihr schon einmal geholfen.
Außerdem war sie die einzige Person, vor der sie ihren seelischen Panzer vollkommen abgestreift hatte. Amayris bezweifelte, daß es jemanden gab, der sich besser mit ihren Sorgen auskannte, als diese angebliche Schreiberin. Und es war vielleicht längst an der Zeit, ihr von Ahmed ibn Rashid zu erzählen. Auch Yerabeth würde sie aufsuchen und um Rat fragen.
Zwei Reiterinnen hatten sich getroffen. Beide trugen Gewänder in einem gedecktem Grün, die eine jedoch ein herrschaftliches Kleid, die andere einen robusten Wappenrock, diesen allerdings ansonsten ohne Zeichen.
Die Dame sprach zu der Soldatin: "Esme, du reitest zurück nach Landsend. Bring diesen Brief zum Hauptmann und diesen hier Meister Ikomarius. Die beiden werden eine Weile ohne mich auskommen müssen. Sollte irgendwann einmal ein gewisser Yadran Toranas eine Nachricht vorbeibringen oder auch die Dame Yerabeth oder Magister ibn Rashid, dann benachrichtige mich so schnell es geht. Auch, wenn etwas unvorhergesehenes passieren sollte. Ich bin in einem kleinen Hotel in der Oberstadt abgestiegen unter dem Namen Mayra. Hast du das alles verstanden?"
Esme nickte und die Herrin gab ihr ein Zeichen. Die junge Soldatin wendete ihren Wallach und preschte die Straße davon, nach Osten hin. Paradox eigentlich, kam es der Zurückgebliebenen in den Sinn, daß Namoth im Osten lag. Nun, sie wollte vorerst nicht dorthin zurückkehren. Zu viele Fragen hatten sich aufgeworfen. Sie spürte förmlich, daß etwas mit der Abwesenheit Yerabeths nicht im Reinen war. Und auch wenn Toranas ihr versprochen hatte, sie zu benachrichtigen... sie traute ihm nicht. Er war zu charmant, zu glatt und freundlich. Und er war letztendlich dazu noch ein Magier.
Nein, sie würde selber sehen, ob sie nicht etwas herausfand. Aber dafür mußte sie einige Tage in der Königsstadt bleiben.
Etwas verdattert stand Amayris einige Herzschläge lang in der Halle des jereanschen Stadthauses, in der sie alleine zurückgeblieben war, nachdem nun auch Yadran verschwunden war. Yadran Toranas, Vetter der Hausherrin, wie er sagte. Und offenbar jemand, der sich keine Zügel anlegte. Ein wenig unangenehm berührt dachte sie an sein Verhalten ihr gegenüber. Der junge Mann sah gut aus und war sich seiner Ausstrahlung offenbar nur zu bewußt. Sie hatte selber ein leichtes Kribbeln in seiner Nähe gespürt und konnte sich nur mühsam dem Bann seiner Augen entziehen. Vielleicht, wenn er nicht so unverschämt gewesen wäre, vieleicht hätte sie dann sogar zugelassen, was passieren hätte können. Sie mußte an Yerabeths Worte denken. Aber er war zu forsch und sie hatte ihn reserviert abgleiten lassen. Mit einer unverhohlenen Erpressung war er dann verschwunden. Ohne ein bestimmtes Entgegenkommen würde er ihr nicht auf ihrer Suche helfen.
Überhaupt, es schien niemanden zu bekümmmern, daß die Hausherrin verschwunden war. Man hatte offen zugegeben, daß das seltsam sei, daß niemand wisse, was geschehen sei, wohin ihre unvermutete Reise ging und wielange sie fortbleiben würde. Weder Yadran, noch dieser andere Jüngling, Neriel, hatten dazu etwas zu sagen und waren einfach verschwunden. Außerdem hatte sie die Magierin aahl Guuhl wieder gefunden. Ancanagar hieß sie und ging ebenfalls in diesem Haus ein und aus. Auch sie hatte sich merkwürdig verhalten. Zuerst hatte sie sie nach dem Einlaß stehen lassen und war dann, kurz anch der Rückkehr aus den hinteren Bereichen des Hauses wieder verschwunden. Alle hatten sie sich entweder von zaubern davon tragen lassen, bis auf Neriel, der sich in sein Gemach zurückgezogen zu haben schien.
Ein wenig unschlüssig sah sie sich um. Sie hatte vorhin schon in der Halle nach Hinweisen gesucht zum Verbleib der Gesuchten. Aber alles war sauber aufgeräumt, die Bücherschränke gaben keinen Aufschluß und der Schreibtisch war leer. Sollte sie die Möglichkeit nutzen und den Rest des fast leeren Hauses nun noch untersuchen? Ein wenig ärgerlich über dessen Bewohner entschloß sie sich kurzum dafür. Ihr erstes Ziel sollte das Gemach der Hausherrin sein und nach kurzer Zeit hatte sie es gefunden. Aber auch hier das Gleiche Bild: unbenutzt, sauber und irgendwie unpersönlich. Und auch hier kein Hinweis auf irgendeine Reise, ein Experiment - nichts. Abschließend hob sie eher der Vollständigkeit halber auch hier den Teppich an, zu sehen, ob vielleicht etwas darunter geschoben worden war. Und sie fand eine Falltür.
Mit neuem Eifer hockte sie sich neben dieser ab. Erneut verfluchte sie ihr Kleid, was ihr dabei wie so oft ins Gehege kam. Neugierig und mit einer Hand die Röcke zurückhaltend, untersuchte sie die Scharniere und den Bereich um die Klappe herum. Kein Rost, kein Staub, ein feines silbriges Band zwischen den sich bewegenden teilen der Scharniere - offenbar wurde diese Falltür des öfteren genutzt. Nun gut, dann wollte sie auch einmal sehen, wohin sie führte. Nach all ihren Erfahrungen bislang wohl in einen langweiligen Vorratskeller. Vorsichtig hob sie die Klpee und leuchtete in das Dunkel darunter. Leicht muffiger Geruch schlug ihr entgegen. An der Wand führten Sprossen hinab. Ein leises Seufzen entfuhr ihrer Kehle, als sie sich ausmalte, wie sie daran herabsteigen mußte. Dieses verflixte Kleid!
Im flackernden Licht ihrer Kerze konnte sie einige Zeit und etwa ein halbes Dutzend unterdrückter Flüche später einen relativ kleinen Raum sehen. Viel zu sehen war nicht, außer glatten Wänden, einer kargen Lagerstatt und einem großen Weidenkorb, der mit einem Laken abgedeckt war. Aber immerhin keine Regale mit Gläsern und Krügen voll eingelegtem Obst und Gemüse. Vielleicht hatte es sich ja doch geleohnt, daß sie einen Schneider finden mußte, um die Risse im Stoff zu beheben. Ihr Blick blieb an dem Lager hängen. Yerabeths außerordentliche Empfindlichkeit gegen Sonnenlicht kam ihr in den Sinn. Ihre Haarsträhne war zu Asche geworden, vor einiger Zeit, in der Nordschanze von Landsend. Sollte dies das eigentliche Schlafgemach ihrer seltsamen Freundin sein? Etwas lag auf dem Bett und zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Vorsichtig sich umblickend ging sie hinüber, aber der Raum war wirklich leer sonst. Ein Buch hatte ihre Aufmerksamkeit auf sich gelenkt. "Allerley Kunde von den Völkern", in ziemlich altertümlichem Stil verfaßt und offenbar schon vor längerer Zeit geschrieben worden. Eine Abhandlung über Menschen, Elfen, Zwerge, sogar Orken und Trolle. Aber offenbar nicht wirklich interessant. Auch lagen keine Papiere zwischen den Seiten und Randnotizen fehlten auch. Bettlektüre? Offenbar...
Ihr Blick fiel auf den Korb. Vorsichtig näherte sie sich ihm. Er war ziemlich groß, beinahe größer noch als die Körbe, in denen ihre Mägde die Wäsche aus der Waschküche zum Aufhängen trugen. Vorsichtig hob sie das Tuch an und sah darunter. Verblüfft stieß sie Luft aus ihren Lungen. Im Korb lag ein Ding von der Größe eines zusammengekauerten Menschen. Eine leicht rosig schimmernde Hülle umgab das Ding. Sie war elicht durchscheinend und als Amayris näher heran ging mit der Kerze, konnte sie unter der halb durchscheinenden Hülle vage eine humanoide Gestalt erkennen. Vorsichtig streckte sie die Finger der freien Hand aus und berührte die Hülle. Es war warm udn füllte sich nach Haut an. Vorsichtig strich sie zuerst darüber und versuchte dann mit leichtem Druck, zu ertasten, was darunter war. Doch diese Hülle setzte ihr mehr Widerstand entgegen, als sie zuerst dachte. Ein wenig zaghaft klopfte sie dagegen. Nichts geschah.
"Yerabeth?" Ein wenig dumpf klang ihre zweifelnde Stimme in dem kleinen Kellerraum, fast zaghaft verließen die Worte ihren Mund. Sollte das die Gesuchte sein, gefangen in irgendeiner Hülle? Die Größe stimmte in etwa. Aber wie sollte es dazu gekommen sein? Oder war das wieder irgendein seltsamer Ritus dieser Nachtblume? Amayris traute Yerabeth in dem Zusammenhang inzwischen einiges zu. Magie und die Verehrung von göttlichen Wesen trugen manchmal seltsame Früchte. Unentschlossen tastete sie den gesamten Kokon ab. Es fühlte sich wirklich an wie eine ledrige, feste Haut. Die Frage war nur, was war darinnen und wenn es Yerabeth war, wollte sie darin sein?
Es waren keine Bewegungen zu spüren. Offenbar war das Etwas ruhig. Langsam näherte sie sich mit einem Ohr der Hülle und lauschte an ihr, ihr Haar dabei mit der freien Hand zurückhaltend. Und ja, sie hörte etwas. Sie konnte einen ruhigen, gleichmäßigen Herzschlag hören. Es klang nicht wie der herzschlag eines sich panisch gegen eine Gefangenschaft Wehrenden. Nachdenklich richtete sie sich wieder auf. Das ganze wirkte so vorbereitet, sorgsam. Dieser Kokon lag sauber in einem Korb, war zugedeckt. Irgendwie hatte sie nicht das Gefühl, daß es ungewollt war. Seltsam blieb es allemal, aber darüber mußte sie erst einmal in Ruhe nachdenken.
Es wurde Zeit, daß sie den geheimen Raum verließ. Eilig deckte sie den Korb wieder zu und kontrollierte noch einmal mit einem Blick, ob alles an seinem platz war, bevor sie die Leiter hinaufstieg und die geschlossene Falltür wieder unter dem Teppich verbarg.
Dann verließ sie das Haus. Aber sie würde zurückkehren, und sei es nur, um einigen Leuten ein paar unangenehme Fragen zu stellen.
Erschreckende Erkenntnisse - Blutige Bindung
Ein leises Lachen drang in ihr Ohr. Ein vertrautes Lachen war es und es klang fröhlich aber auch ein wenig hämisch. Da war sie wieder: Die Frau mit den Augen aus stechendem Eis. Direkt vor ihr räkelte sie sich im Dunkeln und lächelte sie triumphierend an, während ihre Hände lüstern über die Rundungen ihres Körpers fuhren.
"Siehst du mich, Herrin von Landsend? Siehst du, was mit uns passiert?" Wieder huschte das triumphierende Lächeln über die Lippen. Kurz darauf fuhr die Zunge langsam in einer Geste der Wollust darüber. Schlußendlich war wieder ein leises Lachen zu hören. "Wovor fürchtest du dich, Herrin von Landsend? Du selbst gehst doch tief und tiefer. Glaubst du, sie werden dich gehen lassen nach allem, was schon geschehen ist? Glaubst du, ich werde dich in Ruhe lassen?"
Langsam erhob sich die vertraute Gestalt und kam mit wenigen wiegenden Schritten auf die Träumende zu, streckte die Hände aus und sah ihr in die Augen. Kaltes, bohrendes Feuer brannte sich in ihre Seele. "War der Kuß nicht süß? Möchtest du nicht mehr davon? Möchtest du nicht wissen, was sich hinter dem dunklem Schleier noch verbirgt?"
NAch einer kurzen Pause gab das Traumgespinst selber die Antwort. "Wir beide wissen, daß du wirst." Sanft strichen die geschmeidigen Finger über die Wange der Träumenden, liebkosten sie. "Ich habe dich schon gefangen, Herrin von Landsend. Du bist mein." Die Stimme war heruntergesunken zu einem rauhen Flüstern.
Dann näherten sich die beiden Gesichter noch weiter an und die Lippen trafen sich zum Kusse. Gierig spielten sie miteinander, fast als wollten sie einander verschlingen. Die Träumende spürte in sich auf einmal ein tiefes Verlangen, einen dumpfen Hunger, der sich immer mehr steigerte. Etwas schien an ihrem Inneren zu reißen und sich immer mehr von ihr zu nehmen.
Langsam versank das geträumte Bewußtsein in Schwärze.
Das Plätschern von Wasser weckte Amayris. Es hatte begonnen zu regnen und vom Dach des verfallenden Turmes ergossen sich mehrere Sturzbäche auf den Boden. Die Luft war klamm und ihre Glieder allesamt steif. Der linke Arm schmerzte immer noch, wie sich herausstellte, als sie sich mühsam von dem wohl schon lange unbenutztem Bett hochstemmte. Aber inzwischen war es nurmehr ein dumpfes Pochen und nicht das ständige Ziehen, das den Arm durchzog. Dafür hatte sie unbequem gelegen und sich den Rücken verspannt. Die Kriegerin erlaubte sich ein resignierendes Stöhnen, als sie sich an den Kopf faßte. Die Hiebe Yadrans schmerzten immer noch und ließen sie schwindeln.
Allmählich dämmerte ihr wieder ins Bewußtsein, was geschehen war. Jetzt, nachdem die Müdigkeit etwas von ihr abgefallen war, die sie am Ende des letzten Abends gefangen hatte, begannen ihre Gedanken langsam die einzelnen Bruchstücke zusammenzusetzen. Indes schlurfte sie zu einer Schüssel, die ihre Augen entdeckt hatten und mit dieser in der Hand an eines der Fenster, um aus dem Regen etwas Wasser zum Waschen zu schöpfen. Das kalte Naß tat ihrem Bewußtsein gut und vertreib auch etwas die Watte, die sich immer noch verbissen in ihrem Kopf festklammerte. Dennoch fühlte sie sich wie nach einem Siegesgelage und der vorher geschlagenen Schlacht.
Zumindest der Part mit der Schlacht stimmte. Sie hatte gekämpft und der Gegner hatte offenbar durchaus die Macht einer Armee in seinem Körper vereint. Als sie gehen wollte, war sie noch in Yerabeths Haus in etwas hineingeraten, was man nur als einen Kampf von Dämonen bezeichnen konnte. Genau genommen hatte sie es nicht nur ihrem Können zu verdanken, daß sie noch lebte, sondern auch einer gehörigen Portion Glück. Die Frage war, ob es überhaupt dabei blieb. Sie hatte Dinge gesehen, die offenbar nicht für ihre Augen gedacht waren. Oh, sie hatte sich in manchen Annahmen gründlich geirrt. Sie hatte es mitnichten mit einer Sekte einer nächtlichen Gottheit zu tun, die ein Mal derer trugen, das ihnen den Tag verbot. Nein, offenbar war der Fluch viel tiefgehender, der auf der Magierin und den anderen lag. Sie selber waren Dämonen der Nacht, zumindest drängte sich dieser Gedanke mit einer Leichtigkeit auf, wenn man sah, welche Verletzungen sie alle überstanden hatten, mit welcher Geschwindigkeit Neriels Körper sich regenerierte, wie Yadran mit den Reißzähnen eines Monsters den geflügelten Dämon angegriffen hatte.
Schwer ließ sie sich auf den Schemel fallen und zog das Schwert aus der Scheide. Die Waffe hatte schwer gelitten. Die Spitze war gebrochen, die gesamte Klinge war schartenüberzogen und angelaufen. Der Staub des Kampfes, der Staub von Yerabeths Haus, aus dem sie die Waffe aufgehoben hatte, lag fein in jedem Kratzer, überzog die einst blanke Fehlschärfe, das Gehilz. Ein schiefes Lächeln schlich sich in ihr Gesicht, als sie die geschundene Waffe betrachtete. In gewisser Weise paßte sie zu ihr. Auch sie, die Kriegerin, stand kurz davor, weggeworfen zu werden, um eine lästige Zeugin zu beseitigen. Das hatte man ihr gegenüber nur zu deutlich formuliert. Aus dem Beutel an ihrem Gürtel holte sie den Stein, ein Tuch und das kleine Fläschchen mit Öl hervor und begann, das Schwert noch einmal zu reinigen. Die Arbeit half ihr dabei, ruhig zu bleiben, während sie weiter ihren Gedanken nachhing.
Unten im Kellergang war Neriel und wachte seinen Worten nach über den leblosen Leib der Magierin. Ein seltsamer Gedanke unterm Licht betrachtet. Eine durchaus menschliche Geste, eine Geste mit Gefühl. Ein Liebender am Krankenbett seiner Geliebten - ein Bild, was sich nicht unbedingt mit ihren Annahmen über den gewöhnlichen Dämon decken wollte. Angenommen, die Viere - denn Yerabeth mußte sie ebenso dazu zählen, das war nach dem Gespräch mit Yadran am letzten Tag eindeutig - seien keine Dämonen in dem Sinne, was blieb noch über? Geister nicht. Zwar schienen die Grenzen des stofflichen Seins sie nicht zu hindern, aber stofflich waren sie dennoch. Die alten Gruselgeschichten von Vampyren kamen ihr in den Sinn. Sollte daran doch mehr sein, wie an so vielem anderen?
Und wichtiger: Was folgte daraus für sie selbst? Gemessen an den seltsamen Träumen, die sie seit einiger Zeit immer wieder hatte, war es vielleicht besser, sich diese Frage nicht selbst zu stellen. Sie würde einen der anderen konfrontieren. Selbst, wenn sie sterben sollte - Klarheit wollte sie vorher noch erlangen. Vielleicht war es ja sogar möglich, einen Eid zu leisten und zu überleben. Nur mußte sie erst einmal abwägen, ob sie es wagen wollte diesen einzugehen. Sie hatte Namoth Treue geschworen. Aber Namoth wurde zumindest von Menschen bewohnt, regiert und verteidigt. Und Menschen waren diese Vier sicherlich nicht, auch, wenn sie Verhaltensweisen an den Tag legten, die menschenähnlicher waren als manches, was im Reiche Namoth geschah.
Während der Stein immer wieder über die Scharten glitt, um diese auszuwetzen, begann sie auf den Abend zu warten. Noch lebte sie. Neriel hatte sein Wort gehalten und sie würde ihres ebenfalls halten. Die Dunkelheit würde interessant werden. Bis dahin wollte sie sich ein wenig ablenken.
Nach einer Weile erklang mit rauher Stimme vorgetragen eine traurige Weise durch das immer noch anhaltende Plätschern des Regens.
Wie ein Stein schlief Amayris in der zugerammelten Kammer im Turm. Kein Licht würde in den Raum dringen und auf die Haut der Schlafenden fallen, die sich so sehr in ihrer Farbe ähneln würden in dieser Nacht.
In dem Raum lag immer noch der metallische Geruch von Blut, das vergossen worden war, gemischt mit dem leichten Geruch von Schweiß und dem von weiblicher Lust. Dies war ein besonderer Abend gewesen, ein Abend, an dem metallisches Poltern, lautes Stöhnen und unterdrückte Schreie durch das Gemäuer gehallt waren.
Mit einem Bersten waren stählerne Tore aufgestoßen worden, die lange fest verriegelt waren. Ihr Lebenssaft war geflossen und hüllte die Zungen der beiden immer noch in seinen herben Geschmack. Geschwächt lag sie nun neben ihrem Peiniger, dem Wesen, daß sie herausgefordert hatte, dem Gefäß, welches die Bestie trachtete, in Fesseln zu schlagen.
Aber die Bestie war ausgebrochen und über sie hergefallen...
Dumpfes Rauschen umfing die Träumende. Ihr gesamtes Blickfeld waren einzig die roten Schlieren eines gewaltigen Strudels aus tiefem Rot. Grollend drückte das Rauschen auf die Ohren, während sie sich immer mehr im Kreis dreht, immer schneller.
Ein Gesicht tauchte vor ihr auf, daran der nackte, blutbeschmierte Körper einer Frau. Sie strahlte die Träumende förmlich an, während sie sich um ihre Längsachse wand, sich in dem Strom aus Blut badete. "Spürst du es, Herrin von Landsend? Spürst du seine Macht? Spürst du, wie du hinabgesaugt wirst?" Hell perlte ein unwirkliches Lachen unwirklich über das Tosen hinweg, verließ den weit aufgerissenen Mund, in dem spitze Zähne auf Beute lauerten.
Allmählich verschob sich das Bild immer mehr. Das Monster trieb über ihr, während die Träumende immer weiter hinabsank, hinuntergesaugt wurde von den Fluten aus purem Blut. Plötzlich fiel die Aufmerksamkeit der sich lüstern in ihrem Bad räkelnden wieder auf die Träumende. Als wäre da eine massive Platte, legte sie die Arme stützten überkreuz und sah hinunter zu ihr. Ein verlockend süßes Lächeln erschien auf den blutrot benetzten Lippen. "Soll ich dir helfen?", fragte das Monster ein wenig naiv scheinend und streckte die Hand in ihre Richtung. "Was zögerst du? Mache ich dir Angst? Warum amche ich dir Angst? Hast du vor mir Angst, obwohl du heute schon mit mir getanzt hast?" Echtes Erstaunen malte sich auf dem schönen und doch dämonisch wirkendem Gesicht mit seinen glühenden, kalten Augen. Stimmen flüsterten im Kopf der Träumenden. "Wovor? Wovor? Angst... Angst.... Angst? Wovor? Ich bin ein Teil von dir. Du bis ich, ich bin du, wir sind eins."
"Wenn du mich weiter einsperrst, werde ich dich vernichten, Herrin von Landsend. Komm... nimm die Hand! Ich kann dir helfen - wir können uns helfen.", sprach die Nackte wieder.
Und plötzlich schnellte ein Arm von unten nach oben, griff eine Hand zu und bildete die Verbindung. Und da war sie wieder... die Gier. Entsetzen machte sich breit, in ihr, doch zeigte sich das auch auf dem gegenüberliegendem Gesicht. Innerlich riß der Hunger an ihrem Sein, drohte sie zu übermannen. Gierig schnappten spitze Zähne - ihre Fänge! - nach der Frau vor ihr, die sie entsetzt ansah. Die Panzerplatten würden ihr wenig Hilfe bieten, die sie allüberall am Leibe trug.
Dann sah sie die Nackte auf sich zu treiben, sie mit ihren Armen umschlingen. Sie spürte warme und kalte Haut zugleich und spürte wieder den innigen Kuß, den sie sich gab. Nun trieben beide in der Mitte des Strudels. Nur blaueisig leuchtende Augen füllten ihr Bewußtsein, umgeben von roten Schlieren und untermalt von einem triumphierendem Lachen - einem befreitem Lachen.
Amayris lag noch immer eng umschlungen in den dünnen blassen Armen Yadrans'.Sie schlief tief und fest und wirkte wirklich sehr erschöpft.Ebenso gut hätte sie dabei sterben können oder war dem Tode ohne es bewußt zu wissen nur knapp entronnen. Der Raum war abgedunkelt, der Turm schien die letzte Festung gegen die vermeindlichen Sonnenstrahlen zu sein.Die graublauen Augen des Vampirs öffneten sich mit gemach und richteten den Augenfokus mit wehmutigen Blick gen ihrem Opfer. Egal wie dunkel der Raum war, diese Augen sahen Amayris nackten Leib mit einer Klarheit, als sei es Tag.Die linke Hand strich ihr über die Stirn und glitt ihren Körper entlang, der Vampir schien über etwas nach zu denken, zu reflexieren.
"Es war ein Fehler gewesen sie derart niederträchtig zu behandeln.Ich hatte sie verführt, ihr keinen Ausweg gelassen und mir einfach genommen was ich wollte, nur um ihre Frage mit Boshaftigkeit zu beantworten.Ich wollte sie wissen lassen, was Schmerzen sein können und wie weit ich gehen würde ihr diese Schmerzen zu geben.Vielleicht wollte ich ihr auch nur zeigen, was mich plagte, was ich empfand, als ich das erste Mal in ihre Nähe kam.Aber doch nicht auf so eine Art und Weise? Was hatte ich mir gedacht? Ich war es doch, der immer davon sprach das Tier zu besänftigen, die Bestie zu beruhigen, die Kontrolle zu wahren oder nicht? Ich hatte sie erniedrigt und sah sie immer noch vor meinem geistigen Auge, wie ich ihren Willen nach und nach brach, um sie schlichtweg zu verführen. Über kurz oder lang wurde mir eines klar, sie wollte es. Nur wer war ich, der über ihr Anliegen so egoistisch entschied, vorallem welche Grausamkeit muss es gewesen sein, in jeden zweiten Satz zu wiederholen, dass ihr der Tod gewiss sein würde? Ich erkannte mich nicht wieder, die Begegnung mit der Albin hatte meine animalische Seite erweckt.Ich hatte keine Chance gegen diese Albin gehabt, sie zerknüllte mich wie ein Blatt Papier, Amayris stand mir, Ancanagar und Neriel dennoch zur Seite. Sie war nicht nur neugierig und imposant, sondern auch mutig.Eine wahre Ritterin die nun mir allein' gehörte. Ich glaube es war genau der Moment, der mich gewahr werden lies, dass ich sie beschützen wollte und mich für diese Tat entschuldigen musste. Tief in meinem Inneren begann ein Gedanke sich zu einem vollständigen Satz zu formen und als meine Arme den warmen Körper der Erschöpften wieder umschlangen folgte nur ein leises Flüstern in ihr Ohr"
"Es tut mir Leid Mayra.."
Es war nicht ihr Turm, auf dessen Plattform sie stand, und ihr Blick schweifte nicht über ihre Wälder und Felder, sondern über eine vollkommen fremde Wildnis. Amayris war immer noch in dem Turm der Vampirin Ancanagar untergekommen. Ja, inzwischen konnte sie ohne Zweifel und auch ohne Scheu daran denken. Sie hatte viel gelernt und erfahren in den letzten Tagen.
Schwach streichelten die Strahlen der Sonne, die langsam durch den Regenschleier brachen und auf den nebelverhangenen Wald zu Füßen des Gemäuers fielen, ihre immer noch etwas blasse Haut. Aber sie war auf dem Weg der Besserung. So brutal und monströs sich ihr seltsamer Liebhaber in der ersten gemeinsamen Nacht - ihrer ersten zweisamen Nacht überhaupt - war, so zurückhaltend und zuvorkommens war er in der Zweiten. In diesem Augenblick ruhte er noch immer in dem lichtlosem Gemach, welches in der Nacht noch die Stätte einer der seltsamsten Erfahrungen gewesen war, die sie je gemacht hatte. Es war offenbar eine seltsame Eigenheit, daß sie jedesmal Blut schmeckte, wenn sie mit ihm zusammen war. Doch diesmal war es dennoch anders. Das Beisammensein hatte sich geändert es waren Dinge zu spüren, die schlecht in Worte zu fassen waren. Seit dieser Nacht hatte sie ein warmes Gefühl der Nähe zu ihm entwickelt. Und sie hatte die Frau aus ihren Träumen gesehen, wie sie unter ihm lag, durch seine Augen gesehen. Er hatte mit seiner Magie ihren Hunger gestillt, der den letzten Tag schon an ihr genagt hatte. Während sie aß, hatte er sie beobachtet und sie konnte nicht umhin, seine Blicke zu erwidern. Es war insgesamt eine wundervolle Nacht gewesen.
Aber es waren Fragen geblieben. Wie weit würde sie mit ihm gehen? Seinen Worten nach hatte er ihr nun das ewige Leben geschenkt. Sie fühlte sich an sich aber wenig anders als vorher. Nachdenklich betrachtete sie ihre Hand, befühlte dann mit dieser den anderen Unterarm. Nein, noch war sie sicher, war sie noch sie selbst. Ihre Träume kamen ihr wieder in den Sinn. Sie mußte an dieses andere Ich denken, welches sich ihr offenbart hatte... Wie weit würde sie gehen?
Yadran: "Mayra wie weit würdest du gehen?Das war die Frage die ich ihr stellte, für sie gab es kein zurück mehr, zumindest kein herkömliches zurück mehr. Sie wollte die Erinnerung an unser Beisammensein behalten, wie lange hatte sie wohl auf den Moment gewartet? Verübeln konnte ich es ihr nicht.Doch wenn Yerabeth oder Ancanagar nicht ihre Erinnerungen löschen würden, wäre meine Familie in höchster Gefahr. Ancanagar schlief noch immer tief und fest, sie war im Koma seit dem Angriff der Albin.Und Yerabeth?Wo war Yerabeth? Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wo sie war und wann sie jemals zurückkommen würde.Ich war allein gelassen mit meinem kleineren Bruder Neriel, der eine Totenwache bei Ancanagar hielt.Niowe und Anyera hatten anderes im Sinn, auch wenn ich mit Niowe klärende Worte sprach, um ihr von Neriel erzählte und dass es wichtigeres geben würde als Gesinnungen, so gab sie mir zu verstehen, dass ich sie enttäuscht hatte.Sie und Anyera.Es muss ein Vorfall gewesen sein, wo ich mich gegen ihre Gilde stellte, aber nicht nur gegen ihre Gilde, gegen alles was unter dem Banner des Schattens ihr Unwesen trieb. Die Situation war allgemein sehr angespannt.Ich konnte Mayra nicht töten, auch wenn ich es versucht hatte, ich konnte es nicht. Ich hatte das Biest in mir besänftigt und Mayra hatte es überlebt. Ich war erleichtert, dass sie neben mir lag und ihre Lebensflamme sich erholte.Ich strich ihr durch das dichte Haar, während ich mir ihr sprach und versuchte ihr Antworten auf ihre Fragen zu geben. Ob sie es gemerkt hatte, dass ich sie an mich band, um so meine Familie und sie zu schützen?"
Die Rückkehr nach Landsend - Das stehende Heer
Langsam näherte sich der Hufschlag des Goldfalben dem Marktflecken. Schon trug er seine Reiterin über den Kamm des Hügels auf dem sie ihn kurz verhielt, um den Blick zu genießen. Vor ihr breiteten sich die in der Abendsonne leuchtenden Äcker und Wiesen aus. Die Leute beendeten gerade ihr Tagwerk. Ein großer Wagen rumpelte von zwei schweren Rössern gezogen aus dem Wald und brachte mächtige Holzstämme zum Ort. Auf der Allmende erkannte sie eine Hand voll junger Leute, die sich mit dem Bogen übten. Vor Gaffrons Haus versammelten sich die Leute zu Trinken und Beisammensein. Und über allem thronten in einiger Entfernung auf der Steilklippe am Meer die mächtigen Mauern der Burg Landsend. Sie war wieder zu Hause.
Amayris trieb Kirell wieder an und ließ die Stute recht zügig die Straße hinab traben. Als sie näher kamen, grüßten sie die Bogenschützen und winkten. Sie hob den Arm und erwiderte den Gruß in herrschaftlicher Gönnergeste, hielt ihr Pferd aber erst vor dem Haus des Schulzen an. Gaffron sah sich um und sprang auf, als die Gespräche verstummten. "Herrin, ihr seid zurück! Willkommen heim." Amayris nickte kurz und sah sich um. Dann fixierte sie mit ihren Blicken den Gaffron. "Alles in Ordnung soweit? Gab es während meiner Abwesenheit irgendetwas besonderes?" Gaffron schüttelte den Kopf. "Nein, Lady Amayris. Es ist alles in Ordnung. Elko hat sich den Fuß verknackst, das ist aber auch alles. Wollt ihr euch zu uns setzen?" - "Nein, ich muß auf der Burg nach dem Rechten sehen." Mit diesen Worten wendete sie das Pferd und ließ es wieder antraben. Hinter ihr brummte einer der sich wieder an den Tisch Zurücksetzenden. "Je besser es uns geht, desto weiter rückt sie ab von uns." Gaffron fuhr ihm barsch über den Mund. "Halts Maul. Sie ist die Herrin und kann sich nicht um jedes deiner Wehwehchen selber kümmern. Los komm... das Bier wird warm."
Einige Zeit später war es, die Sonne hatte schon fast den Himmel völlig verlassen und zauberte ein blutrotes Gemälde an das Firmament Richtung Cove, als sie das düstere Torwerk der Festung durchritt. Wie immer erfüllte sie ein Gefühl von Stolz, als sie in den Tunnel mit seinen Gattern, Toren, Scharten und Gießlöchern eintauchte. Dann öffnete sich nach der üblichen Prozedur der Vorsicht der Hof der Burg vor ihr. Auch hier ging alles seinen gewohnten Gang. Ein Knecht mistete noch eben die Ställe fertig aus, auf den Türmen standen die Wachen. Aus der Gesindestube neben der Nordschanze klang schon abendlicher Gesang zu ihr herüber. Sie sprang aus dem Sattel und reichte die Zügel dem Knecht, der sie mit einer Mischung aus Strahlen und Verbeugen ansah. "Willkommen zurück, Herrin!" Amayris nahm das mit einem Lächeln zur Kenntnis und nickte ihm kurz zu. "Bevor du dich um sie kümmerst, gib noch eben Hauptmann Flint bescheid, er soll sich bei mir melden. Ich bin in der Halle. Und er soll die Papiere mitbringen." Der Knecht nickte und machte sich daran, ihren Wünschen zu folgen, während sie selbst sich auf den Weg zum Palas machte.
Nachdenklich saß sie wenig später auf ihrem Thron an der Stirnseite der Halle. Ihr Kinn hatte sie in eine Hand gestützt, den Ellenbogen auf die Lehne gestützt. Ihre Gedanken schweiften zurück zu dem nächtlichem Gespräch mit Niowe, welches sie vor ihrer Abreise in Britain geführt hatte. Niowe hatte von ihrem Dasein erzählt, von den Toten aus ihrer Hand, von der Nacht, den Sinnen und der Sehnsucht nach Sonne. Man konnte nicht umhin, sie als zumindest einen Räuber zu bezeichnen, wenn nicht vielleicht sogar ein Monster - oder zumindest das, was sie darstellte. Niowe selbst - sie konnte sie nicht einmal verdammen, sie war ihr sogar sympathisch. Und dann war da noch die Tatsache, daß Amayris selbst den Tod von mehr Menschen zu verantworten hatte als Niowe. Die eine ließ sterben, um zu existieren, die andere, um ihre Herrschaft zu bewahren. Oder auch nur ihr Gesicht, wie Amayris in einem kurzen Anflug von Bitternis dachte. Sie verstand immer mehr, aber die letztendliche Frage...
"Ihr hattet nach mir gerufen, Herrin?", wurde sie plötzlich von der brummenden Stimme ihres Burghauptmannes aus den Gedanken gerissen. Flint stand vor ihr. Als sie sich ihm zuwandte, salutierte der Veteran kurz. Der Mann hatte schon unter dem Grafen Horan gedient, als sie noch in Schlangenfest weilte, und war mit ihr zusammen später ausgewandert. Ein guter Mann, fähig mit den Waffen und nicht auf den Kopf gefallen. Amayris nickte ihm zu. "Ja, ich muß einige Dinge über die Wehr mit euch klären. Ich kann mich nicht mehr um jede Wehrübung selbst kümmern und möchte euch damit betrauen. Ihr seid ab sofort Herrn Alsarons Nachfolger als mein Stellvertreter in der Heeresführung. Als neuer Waffenmeister untersteht euch alles, was eine Waffe tragen kann in meinen Landen. Außerdem möchte ich, daß wir für die Zukunft eine stehende Truppe von Waffenknechten haben, die über die Burgwachen hinausgeht. Ihr werdet diese als ihr Oberst aufbauen und kommandieren. Fühlt ihr euch dem allem gewachsen?" Flint stutzte kurz und salutierte dann stramm. Mit der neuen Aufgabe schienen neue Lebensgeister in dem alten Kämpen ausgebrochen zu sein. "Jawohl, Lady Amayris! Ihr werdet die verdammt feinste Truppe von Soldaten bekommen, die ihr je gesehen habt!" Amayris nickte zufrieden und lächelte. "Gut, Oberst Flint, ich freue mich, das zu hören. Legt mir dann beizeiten eure Pläne vor, wie ihr euch meine Armee vorstellt. Und nun noch etwas anderes... habt ihr die Papiere dabei, die ich euch aus Britain geschickt habe?" Der neue Oberst nickte und reichte ihr die gewünschten Pergamente. Den an ihn adressierten Brief hatte er geöffnet, das gesiegelte Päckchen weiterer Papiere war unangetastet, wie es schien. Amayris konnte auch ihr Haar erkennen, welches sie in Britain unter den Wachs gemsicht hatte. "Habt ihr die Order wortgetreu ausgeführt?" Flint nickte. "Ja, ich habe die Papiere nicht angerührt aber sicher verwahrt. Ihr seid ja rechtzeitig zurückgekehrt." Amayris nickte zufrieden. "Gut. Ihr könnt dann gehen, Oberst." Flint wandte sich nach einem neuen, etwas abgeklärterem Salut zum gehen, drehte sich aber noch einmal um. "Ach, Herrin... da ist ein Gast für euch seit vorgestern Abend auf der Burg. Dieser Yadran Toranas, den ihr erwähnt habt. Komischer Kauz, wenn ihr mich fragt - vergräbt sich scheinbar den ganzen Tag über in Bücher." Amayris runzelte die Stirn, lächelte dann aber. Yadran hier? Er mußte sie auf magischem Wege überholt haben. Offenbar hatte er ihre Nachricht in dem Hotel gefunden. Sie würde ihn also bald wiedersehen - eine freudige Überraschung.
"Gut, Oberst. Ich werde ihn empfangen sobald er fertig ist mit seinen Studien für heute fertig ist. Ihr könnt euch nun entfernen." Noch einmal salutierte Flint, dann verließ er die Halle. Die Burgherrin indes stand von ihrem Thron auf und ging hinüber zum großen Kamin an der Längsseite der Halle. Etwas Glut glomm darin und war mit einigen Kienen schnell zu einem kleinen Feuer angefacht. Mit geübten Handgriff brach sie ihr Siegel und warf einen Blick auf ihre Aufzeichnungen. Sie mußte im Nachhinein schmunzeln, als sie ihre Mutmaßungen las, die sie aufgrund der Indizien über die Leute angestellt hatte, die sie heute als Vampire kannte.
Dann übergab sie die Blätter den Flammen, sorgsam darauf achtend, daß sie auch vollständig zu Asche verbrannten. Sie würde sie nicht mehr brauchen.
Vier Wochen zum Dunkel
Eine Kammer in der Burg, in der wenig mehr enthalten war als ein großer Tisch. An den Ecken standen vielarmige Leuchter, die Stühle des Tisches waren zurückgerückt und säumten die Wände. Durch die Schießscharten an einer Seite des Raumes fiel rotglühendes Licht in den Raum und färbte die große Karte blutig, die auf dem massivem Tisch ausgebreitet lag. Schwere Handschuhe und ein gescheideter Dolch hinderten sie daran, sich zusammenzurollen. "Wir haben ein recht großes Gebiet zu kontrollieren", brummte die Stimme des alten Kämpen in den Raum. Der Oberst wies einmal über die eingezeichneten Grenzen des Dominiums. "Unser Rückgrat sind die Schützenreihen. Und das wird auch so bleiben. Aber wir brauchen etwas, um die Küstenstraße zu sichern und die Wege in die Berge hin zu streifen. Wir sollten leichte Reiter aufbauen und verteilt stationieren. Außerdem schlage ich Hellebardiere vor, um in einer Schlacht die Jäger zu decken und im Frieden wichtige Punkte zu kontrollieren." Die prankenartige Hand flog in gezacktem Weg über die Karte hinweg, um die Ausführungen zu unterweisen. Die einzige andere Person in dem Raum gestattete sich ein zufriedenes Lächeln und nickte beifällig. Lady Amayris hatte den Ausführungen ihres Oberst aufmerksam beigewohnt. Nun nahm sie den Finger vom Kinn, wo er eben noch am angewinkelten Arm in Denkerpose ruhte. Nun deutete er in einer weitschweifenden Bewegung über die Karte. "Meine Gedanken zu dem Thema kamen zu ähnlichem Schluß. Wir werden nun die Einzelheiten besprechen, die ihr während meiner Absens umsetzen werdet, Oberst." Flint knurrte kurz eine leicht mißmutige Zustimmung und stützte sich auf die Tischkante mit den Fäusten. Sie hatte ihm schon angekündigt, daß sie eine neue Reise unternehmen werde. Neugier wollte sich in ihm regen, aber Pflichtbewußtsein begrub sie schwer. Dieser Abend galt der Sicherheit Landsends.
Oberhalb des Burghofes saß der Oberst von Landsend am Fenster seiner Kammer. Die mächtige Eisenblende war aufgestellt, um etwas mehr Luft in den Raum zu lassen. Außerdem konnte Flint so beobachten, was im Hof vor sich ging und behielt auch die Wachen besser im Auge. Sorgfältig schob er den Stein in gleichmässigen Bewegungen über die Klinge seines Schwertes. Unten im Hof sah er sie zusammensitzen: Lady Amayris und die seltsame Dame mit der vornehm blassen Haut und - wie man ihm berichtete - den Zeichen der Chaosdiener an der Kleidung. Er hatte sie noch nie gesehen, aber sie schien der Herrin wohl bekannt zu sein. Leise, fast verschwörerisch unterhielten sich die beiden, steckten die Köpfe zusammen. Mißmut stieg in Oberst Flint auf und der Veteran knurrte einmal unwillig. Was mochte das alles bedeuten? Es mochte ihm nicht schmecken, daß man ihn im Dunkeln ließ, während sich eindeutig etwas zusammenbraute. Die Herrin von Landsend reiste letztens oft und war dann wochenlang nicht anwesend auf der Burg. Gleichzeitig betrieb sie seit einiger Zeit eine massive Aufrüstung ihres Lehens. Vom ersten Tag an, als er seinen Fuß auf Landsender Boden gesetzt hatte, war die Wehrbereitschaft stetig gestiegen. Heute glich das ganze Land einer einzigen Festung, auch wenn das nur dem geübtem Auge auffallen mochte. Jeder Bauer wußte sich zu verteidigen und seit Neuestem gab es sogar Bestrebungen, eine stehende Truppe auszuheben. Hatte der Besuch dieser Frau etwas damit zu tun? Wurden dort die Pläne für einen Krieg erörtert? Nein, das konnte nicht sein, denn er war sich recht sicher, daß Lady Amayris ihn dann hinzugezogen hätte. Es mußte etwas anderes sein. Er hoffte nur, daß die Burgherrin wußte, was sie tat. Sorge schlich sich langsam in seine Gedanken - und Resignation, denn er wußte, wenn sie von etwas überzeugt war, ließ sie sich selten hineinreden. Also blieb ihm nur, sich auf das zu stürzen, was man ihm aufgetragen hatte.
Langsam kreist ein schmaler Finger über den Rand des Glases. Am Rand reibt sich die blasse Haut und bringt das Gefäß zum klingen. Die schwere, rote Flüssigkeit darin beginnt kleine Wellen zu schlagen, die Oberfläche zittert und für einen Augenblick erhebt sich ein klares Singen in die Luft. Dann bricht der harmonische Ton ab, als das Glas klirrend zerbirst. Ein Augenpaar weitet sich erschreckt und betretenes Schweigen breitet sich aus.
"Eine besondere Eigenheit von Prophezeiungen ist die Anfälligkeit gegenüber eigenem Eingreifen seitens des Sehers. Darob ist es unabdingbar, sich distanziert zu halten vom zu fokussierendem Objekt. In jedem Falle wird sich die Prophezeiung erwehren und nutzlos werden, sollte sich abzeichnen, daß die Zukunft maßgeblich vom Sehenden beeinflußt wird."
Ein fast schmerzhaftes Ziehen in den Gaumen begleitete den Hunger, der sich wie flüssiges Blei in Magen und Seele ausbreitete. Die Nüstern bebten und sogen gierig die Luft ein, witterten die Beute. Wilde Vorfreude spülte aus den dunkelsten Tiefen des Seins hoch, als sich langsam die Fänge aus ihrem Versteck schoben und ihren angestammten Platz im Gebiß einnahmen.
Langsam pirschte der Schatten näher an das Opfer heran. Die Schatten schienen an der Gestalt der kräftigen Frau zu kleben, während das junge Ding auf ihrem Weg noch immer nichts zu ahnen schien. Mit einem letzten, kraftvollem Satz war sie heran, hatte das Mädchen gepackt. Die in der Sommernacht bloßen Schultern wurden von den Kaskaden braunroten Haares der Angreiferin bedeckt. Die Lippen färbten sich blutrot, als sie gierig das Elixier des Lebens in den untoten Rachen spülte.
Der erste Tropfen war wie Feuer, dann bildete sich die Süße und der Rausch kam auf derem Fuße. Und mit dem Taumel in dieser Trunkenheit kam das Verlangen nach mehr, einem Reißen im tiefsten Inneren. Der Hunger war freigebrochen und verlangte nach mehr. Ein Kampf entbrannte: Ein starker Wille setzte sich der puren Gier entgegen. Langsam schwanden die roten Schleier und sie konnte wieder klar denken. Sie mußte aufhören, zu trinken, wollte sie das Leben nicht gefährden. Aber das Leben schmeckte so köstlich, der Rausch war so erquickend...
Die Reise war recht beschwerlich gewesen gegen Ende. Der Waldboden am Fuße der Berge hatte kaum einmal die Hufe eines Pferdes gespürt. Das Vorankommen war somit vergleichsweise mühsam. Schlußendlich hatten sich die Ruinen mit dem einen erhaltenem Turm vor den hereinbrechenden Nachthimmel erhoben. Flamme scheute kurz, als ein kalter Wind von den Bergen herunterfegte. Es war recht frisch in dieser Gegend, ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit. Als Amayris sich dem Turm näherte, sah sie sich mehrmals um. Ihr war, als würde sie beobachtet. Wieder eine kalte Böe, ihr Streitroß tänzelte nervös. Die Geschichte mit den Wölfen kam ihr in den Sinn, welche Niowe erzählt hatte. Aber bislang hatte sie noch wenig von den Bestien zu Gesicht bekommen. Sie indes suchte eine andere Art Bestie. Entschlossen drang sie in den Turm ein.
Einen Tag hielt sie sich in dem Gemäuer auf, das ihrem Schicksal zu einem Wendepunkt geworden war. Dann machte sie sich wieder auf den Heimweg. An diesem Morgen wirkte die Landschaft um einiges freundlicher als die letzten Tage. Sowohl Roß als auch Reiterin hatten ihre Unsicherheit abgelegt. Die Einsamkeit hatte ihr geholfen, einen Entschluß zu fassen und sie sah nachdenklich aber zuversichtlich in die Zukunft.
Blutige Steine
Ein Reiter im dunkelgrünem Wappenrock Landsends ritt in die Hauptstadt des Reiches ein. Ohne viele Umschweife überbrachte er eine Dokumentenmappe in der Magistratur. Er hatte anschließend genug Zeit, sich in der Stadt umzusehen, sollte er doch bis zu einer Rückantwort durch die Offiziellen Namoths vor Ort warten, um das Antwortschreiben zur Burg seiner Herrin zurückzutragen.
Das sorgfältig mit Wappen von Scheibe, Schlange und Schwert gesiegelte Pergament des unter anderem in der versiegelten Mappe enthaltenen Anschreibens trug folgenden Wortlaut:
"Heil dem Reiche! Die Götter waren den Landen an der Küste Namoths heuer eher wohlgesonnen, so daß das Dominum Landsend dem Reich seinen verdienten Zins ohne weiteres zu entrichten in der Lage ist. In den Dokumenten neben diesem Schreiben sind die Listen über jeden verschifften Klafter Holz, jeden Sack Korn und jeden Barren Metall geführt, getreulich nach dem Tage der Schauerung. Ebenfalls anliegend ist der Bericht der Kopfzählung in meinen Landen, ausgehend von den Wehrtageslisten. Heuer befinden sich erneut mehr Seelen unter meiner Obhut denn in den Jahren davor. Dennoch habe ich ein Anliegen an den Magistrat und vor allem die Gerichtsbarkeit des Reiches. Obwohl die Bevölkerung des Landes stetig wächst, mangelt es mir aus gegebenem Anlaß derzeit an Händen. Für einige Bauprojekte zur Sicherung des Landes und die Erschließung einer neuen Erzader am Ogerhaupt sowie den Betrieb eines dazu gehörigen Pochwerks werden Arbeiter benötigt. Nun trage ich hiermit an den Magistrat und die Gerichtsbarkeit des Reiches das Angebot heran, allerlei straffälliges Volk gnädig in meine Hände zu nehmen, damit es dem gerechtem Tode oder den festen Mauern der Kerker Namoths oder auch dem Verlust von allerlei Gliedmaßen entgehe und in harter aber gerechter Arbeit seine Sühne am Reich und dessen Bürgern und Landleuten leiste. Für die Sicherheit der freien Untertanen will ich guten Gewissens bürgen. Meine Wehr steht fest und wird mit der neuen Aufgabe bereitwillig und wachsam umgehen. Doch bitte ich, mir auch zu jedem Manne und jedem Weibe einen Brief auszustellen, ob welcher Schandtat sie verurteilt sind und zu welcher Strafe befunden. Ebenso, ob es ausgebildete Leute gibt darunter, damit diese besseren Einsatz erfahren.
in Treue dem Reiche Namoth
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest, Herrin über das Dominium Landsend, Burgsassin zu Landsend, Ritterin des Reiches"
"Schafft sie einstweilen mal ins Gewölbe, zu den anderen." Mit einer unwirschen Handbewegungen bedeutete Oberst Zacharias Flint den heimkehrenden Soldaten unter Führung des jungen Agonsson, die abgeholten Gefangenen in die weitläufigen Kellergänge der Burg zu treiben. Das war jetzt die zweite Gruppe. Allmählich hatten sie genug zusammen, um mit dem ersten Bau zu beginnen. Aber es würden noch mehr folgen, soviel war gewiß. Lady Amayris schien auf einmal wie vom Dämon gebissen. Tausend Dinge wollte sie gleichzeitig erledigt haben. Und dann, plötzlich, verschwand sie wieder. Sie war immer seltsamer geworden die letzte Zeit. Dennoch, sie hatte jedesmal detaillierte Aufgaben an ihn verteilt und ihre Pläne zeigten Wirkung. Sie war offenbar fest davon ausgegangen, daß Namoth ihnen Sträflinge schickte. und nun waren sie da. Langsam folgte er dem Trupp. Eine Fackel war schnell entzündet und das blakende Licht zeigte ihm den Weg, die flachen Stufen an der mächtigen Mauer hinab, ins Herz er Klippe hinunter. Vor sich hörte er noch deutlich das Rasseln der Kettengänger. Eilig schloß er zu den hinteren Bewachern auf und überwachte selbst, wie sie in eines der großen Sammelverliese getrieben wurden. Die Burgherrin hatte Anweisung erteilt, die Gefangenen nach bestimmten Kriterien zu sortieren. Davon ab hatte nun jeder sein mit frischem Stroh gedecktes Lager in den Felsen unter Landsend. Und morgen würden die kräftigeren beginnen, Steine zu hauen für die neue Kaserne. Dennoch, er hoffte, daß Lady Amayris bald zurückkäme...
Es war recht dunkel, als der Rappe seine Reiterin wieder den Weg die Klippen am Meer hinauf trug. Gegen den Sternenhimmel hob sich dunkel das Gemäuer ab. Ihr Gemäuer. Ihre Burg - Landsend. Es war seltsam, dahin zurückzukehren nun. Sie fragte sich, ob er sie schon erwartete. Die Zeit war um, die Wochen ihrer Bedenkzeit waren vorbei. Sie hatte noch einmal die Gelegenheit ergriffen, Dinge zu sehen, völlig gleich, welche. Alles, auf das die Sonne ihre Strahlen warf. Zum ersten Mal seit langem hatte sie diese Dinge bewußt wahrgenommen, in sich aufgenommen. Kleine Dinge... Als Amayris sich schließlich an der Burg befand, waren diese träumerischen Gedanken wie weggeblasen. Sie hob den Schlägel und dengelte an das Klangeisen. Die Prozedur zum Einlaß nächtlicher Besucher begann auf ein neues. Sie würde einen Weg finden müssen, daß in Zukunft ab und an umgehen zu können. Aber das war nur ein Teil. Sie fragte sich, ob der Oberst die anderen Aufträge inzwischen erledigt hatte. Die Zukunft bot aufregende Zeiten.
Die Nacht beginnt
Yadran: Schnell und leise galoppierte der Wolf in der Dunkelheit, übersprang Äste und Sträucher wie eine schwarze Flammenzunge aus Nebel und Feuer. Das Anwesen Landsend war schon in Sichtweite und das Blutband begann zu singen in Harmonie und Ausgeglichenheit als der Wolf nun auch das letzte Hindernis eine Klippe mit Leichtigkeit übersprang. Dort stand sie, Amayris, sie war dem Ruf gefolgt.Welche Antwort würde sie ihm geben?War sie bereit den ganzen Weg zu gehen? Doch was würde geschehen wenn sie wirklich "ja" sagen würde?Was würde sich ändern?
Die Verwandlung in die Menschengestalt begann und hätte Amayris den Vampiren nicht aufgefangen wäre er auf die Knie gefallen.Sehr lange war er mit vier Beinen unterwegs gewesen und das Gefühl wieder nur auf zweien zu stehen erforderte eine kurze Gewöhnungszeit. Amayris stützte ihn bis zur Burg und gab ihm die Antwort auf die er gewartet hatte, doch als sie ihm die Antwort gab, dass sie wirklich so sein wollte wie er, fiel ein Schatten und eine kleine heile Welt zerbrach. "Ich hätte mich freuen müssen, eigentlich, doch damit sie wird wie ich, muss ich sie vorher vernichten.Wird sie dann immer noch so sein wie zuvor?Kann ich mir überhaupt anmaßen es zu tun?Bin ich selber bereit dazu keinen Fehler bei der Schöpfung zu tun?Was wäre wenn ich es nicht schaffen würde sie zu erwecken?"
Der Vampir nickte auf ihre Worte hin und verzog dann die Lippen.Die folgenden Worte wurden dann mit Traurigkeit und Schmerz gesprochen:"Es erfordert noch ein wenig Vorbereitungszeit." Das mächtige Tor der Burg schloß sich hinter ihnen und die Soldaten salutierten der Herrin von Landsend zu. Amayris gab noch einige Befehle bevor beide sich dann in ihr Schlafgemach zurückzogen um den heranbrechenden Tag zu überdauern.
Das Zimmer war dunkel. Die schweren Platten vor den Schießscharten behielten jeden Lichtstrahl draußen und so war innen wenig vom sich dem Ende neigendem Tag zu bemerken. Der feurige Glanz der mächtigen Mauern blieb im Innern des herrschaftlichen Gemachs unbemerkt. Amayris konnte dafür umso deutlicher spüren. Direkt an ihren Rücken hatte sich der Leib Yadrans geschmiegt. Warm und weich war er, auch wenn es ihre eigene Wärme war, die er wie eine Decke zurückhielt. Dennoch genoß sie das Gefühl der Nähe. Seit dem ersten Mal war sie beinahe süchtig geworden danach. Sie hatte sich noch nie etwas so verbunden gefühlt wie diesem Mann, so ungewöhnlich er auch sein mochte. Wie hatte sie seine Rückkehr herbeigesehnt. Und gestern hatte er sie gerufen, hatte sie seine Stimme in ihren Gedanken gespürt. Am Fuß der Klippe, am Waldrand schließlich traf sie ihn. In Wolfsgestalt war er zu ihr zurückgekehrt, doch hatte sie keinen Zweifel, wer er sei, schon bevor die Rückverwandlung einsetzte. Kurz nur hatte das Gespräch gedauert. Sie hatte ihm die Antwort gegeben, die sie für sich gefunden hatte. Offenbar war er nicht so glücklich mit dem Gehörten und dennoch wiederum. Ein Schatten schien auf seiner freudigen Stimmung zu liegen, als beide zur Burg zurückkehrten, er einzig in ihren Umhang gehüllt. Sie würde ihn fragen müssen, wenn er zur Dunkelheit wieder aufwachte. Sie hoffte, das möge bald geschehen, denn sie wollte auch noch sehen, ob die Soldaten schon zurück seien, die sie ausgeschickt hatte, jene fiktiven Räuber zu fangen, die angeblich ihren Gast ausgeraubt hatten. Die Wahrheit zu erfahren konnte sie ihnen nicht erlauben...
Yadran: Als die Nacht anbrach öffneten sich die Augen des Vampiren.Der erste Blick galt der Gebundenen welche neben ihm lag und noch zu schlafen schien. Die Nacht war kühl und ein kräftiger Wind berührte die Zinnen, mit einem summenden, sausenden und teilweise pfeifenden Geräusch. Yadran erhob sich vom Bett, um einige Holzscheite in den Kamin zu werfen, da Amayris im Schlaf vor Kälte zu zittern schien.Eine ganze Weile lasteten die Augen des Vampiren auf ihr und er spielte mit einem seltsamen Gedanken, einen Gedanken der ihn für einen Moment schockieren mochte.
"Sie will es doch,"sprach eine innere Stimme des Vampiren."Siehst du nicht wie sie zittert?Die Menschen sind schwach und verletzlich, das weißt du doch.Segne sie, schenke ihr die Gabe."Die Stimme wurde ein wenig energischer und der Vampir brach den Gedanken ab mit einem:"Schweig endlich!" Stille im Raum, der Wind hatte aufgehört, keine Tiere waren in den Wäldern zu vernehmen, rein gar nichts, außer dem Knistern der Holzscheite. Yadran spürte wie sich durch das Kaminlicht ein Schatten erhob und sich hinter ihm aufbaute."Yadran?Wieso hast du mir das angetan?Wieso sperrst du mich weg...Yadran?Du solltest endlich lernen es zu akzeptieren mein Yadran und mich nicht bekämpfen, du schwächst uns!" Der Vampir erschrak, als er beim umdrehen sein eigenes Ebenbild sah, in einer zerfledderten Robe der Paladine des Mondes.Die Augen des Ebenbildes sahen die eines Wolfes nicht unähnlich, die Fingernägel,die Hände und das kantige Gesicht, alles wies daraufhin, dass es die dunklere Seite des Vampiren war.Alles stand im Kontrast zum jetzigen Yadran, die graublauen Augen mit grünen Sprenkel, waren ein besonderes Merkmal dessen, seine Hände wirkten schwächlich weich, seine Fingernägel gepflegt und alleine das Gesicht welches zwar das Merkmal des spitzen Kinns hatte aber gesondert zart anzusehen war.Die eines Jünglings eben. Ein Moment des Schweigens ehe Yadran das Ebenbild ansprach:"Nein du wirst sie nicht holen,sie wird leben." Das Ebenbild musste verzerrt lächeln und ein tiefes lachen verbunden mit einem keuchenden Husten bevor es antwortete:"Das ist richtig, denn du wirst es machen, um sie vor meinem Einfluß zu schützen, aber das Ergebnis wird das selbe sein."
Das Gesicht des Ebenbildes begann zu flackern, die Gesichtszüge verschwammen und begannen auseinander zu fließen um dann wieder diesen Zustand aufzugeben als das Ebenbild antwortete:"Weißt du Yadran, du wirst es bereuen mich weg zu schließen, du wirst es bereuen diese Seite zu ignorieren, sie einzukerkern in dir, lass mich die Überhand nehmen."Das schleimige Lächeln des Ebenbildes war gehässig und die Ziele eindeutig. Yadran kochte vor Wut, er hasste dieses falsche Gehabe, dieses zwischen den "Zeilen" lesen, in einer Geste der Wut holte er mit einer Hand aus, um wie ein Bär mit dessen Pranke zu zuschlagen. "Verschwinde zurück in dein Abyss!" Der Schatten bog und schmolz und ein leises Lachen gefolgt von einem:"So gefällst du mir Yadran," ehe der Wind wieder einsetzte und der Vampir die Tiere im Wald wieder vernahm.
Mit einem Ruck wachte dann der Vampir auf, er lag noch immer neben Amayris, sie zitterte sichtlich vor Kälte. "Nur ein Traum," wisperte dann der Vampir mit wolfsähnlichen Augen, als er die Gebundene anstarrte und ihre Haarpracht beiseite schob, welche ihren Hals bedeckte.
Der Wind heulte um die dicken Mauern am Meer. In ihm schienen Stimmen ein Klagelied zu singen. Durch eine der Luken, die leicht aufgestellt war, schien fahl das Mondlicht in das große Gemach und malte in einem schmalen Streifen seine silbrigen Figuren auf den Boden aus festen Steinen, die mit Fellen belegt waren. Die Vorhänge des breiten Himmelbettes waren kaum zugezogen und bewegten sich im Wind, der immer wieder eine vorwitzige Böe in den Raum stoßen ließ, die das zur Glut herabgebrannte Feuer im Kamin neu zum Aufknistern brachte. Auf den daunenweichen Kissen mit den schlichten Bezügen aus weißem Linnen breiteten sich die dunklen Haare der Burgherrin aus, die seitlich gewandt friedlich schlief, die Beine leicht angezogen und die Bettdecke bis an die Schulter über sich gezogen, um sich von dem kühlen Windhauch zu schützen, der immer wieder salzige Luft in das Schlafgemach trug. Draußen, in den Wäldern um die Festung herum, setzte ein einsamer Wolf an, sein Klagelied zum Mond zu erheben. Schließlich, als seine Artgenossen den geheulten Kanon aufgenommen hatten, ertönte ein neues Geräusch innerhalb der Mauern. Leise knarrend öffnete sich die Tür und ein nächtlicher Besucher betrat den Raum. Leise bewegte sich die schlanke Gestalt des Jünglings auf das Bett zu, ließ sich neben der Schlafenden nieder. Vorsichtig berührt er ihre Stirn mit seinen Fingern. Doch der Schlaf wurde lediglich unruhiger, als träume sie lebhaft. Als er sich jedoch anschickte mit einigen Worten des Abschieds zu gehen, schlug die Schläferin doch die Augen auf und sein Name durchbrach die anderen Geräusche. "Yadran?" Zweifel waren es, die den Vampir wieder aus dem Raum, aus dem Leben der Ritterin treiben wollten. Er hatte vor zu gehen, um sie zu schützen. Doch sie war nicht bereit, ihn ziehen zu lassen. Zu lange schon hatte sich ihr Herz gesehnt nach der Wärme, die er ihr geben konnte. Flugs war sie aus dem Bett aufgestanden und hatte sich durch den großteils dunklen Raum auf ihn zu getastet. Sie wollte seine Haut fühlen, seine Lippen auf ihren spüren und ihm klar machen, was er ihr bedeutete. Voller Liebe waren ihre Worte und voller Sehnsucht. Aber durch die sanfte Rede schien die Härte eines festen Entschlusses und keines seiner besorgten Argumente brachte diesen zum wanken. Sie würde mit ihm teilen wollen, ihm folgen, da er nicht zu ihr zurückkehren konnte.
Schnell war der Wechsel. Noch sah sie den Schemen vor, dann hörte sie die Stimme hinter sich und kurz darauf durchfuhr sie von ihrem Hals aus ein stechender Schmerz, gerade in dem Augenblick, als der Kopf sich zu ihm umwenden wollte. Die Zähne drangen tief in die weiche Haut und fanden zielsicher die Bahn des kraftvoll sprudelnden Lebens. Und der Vampir begann diesen Quell zu trinken, gierig zuerst und dann stetig. Die Muskeln, die eben unter dem Eindruck des Schmerzes sich noch aufbäumend verkrampften, gaben nach. Schwer fiel die Sterbende in den Arm Yadrans, der sich wie ein Schraubstock um ihren Leib schlang. Die Kälte der Ohnmacht kroch in die Glieder hinein, langsam streckte der Tod seine eisigen Finger nach dem Leib aus. Das Herz schlug immer schwächer und der Ansturm des Blutes auf Yadrans Zunge verebbt langsam. Die einst strahlend hell lodernde Flamme des Lebens ward immer schwächer und begann zu flackern. Ein letztes verzweifeltes Zucken des Muskels in der Brust und das letzte schwache Glühen der Lebensflamme erlosch endgültig. Der Kopf lag auf der Schulter des Vampirs, der die Frau von hinten umschlungen hielt. Von seinem Kinn fielen einige Blutstropfen auf die Schulter seines Opfers. Kontrastreich zogen sie die Spuren über die bleiche Haut und ronnen über die Brust hinab.
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest, Herrin über das Dominium Landsend, hatte ihren letzten Lebensfunken ausgehaucht.
Doch ihr Mörder ruhte nicht und ergriff nicht die Flucht. Eilig legte er den schlaffen Körper auf das große Bett und auf leicht unbeholfene Art riß er sich mit den Fängen das eigene Handgelenk auf, ließ einige Tropfen Blut auf die leicht geöffneten Lippen seiner Geliebten fallen. Langsam bahnt sich der Lebenssaft seinen Weg die Zunge hinab in den Rachen. Brennend drängt sich sein süßer Geschmack in das fliehende Bewußtsein, holt es zurück und etwas neues erwachte. Einige Augenblicke vergingen, dann schlug die neugezeugte Vampirin die Augen auf.
Dumpf pochend fielen die Tropfen in regelmäßiger Folge mal hier und mal dort durch die Dunkelheit auf den nackten Fels oder in eine der kleinen Lachen, die sich am Boden des Gewölbes allenthalben bildeten. Von Ferne dröhnte das stetige Brechen der Brandung an den hohen Gestaden der hiesigen Küste, drang in grollendem Takt immer wieder gegen die Felsen, die den Schall bis in die Gelasse unterhalb der Festung trugen. Keine Fackel, keine Öllampe erhellte die Szenerie. In der stockfinsteren Halle, die man über keinen offensichtlichen Weg aus den sonstigen Gewölben der Burg erreichen konnte, lag ein Körper ruhig auf einem schlichten Lager aus Stroh und Laken, daß auf einem Steinblock in der Mitte der ewigen Dunkelheit aufgeschüttet war. Die Hände waren auf dem Bauch gefaltet und die Augen starrten an die Decke. In der Erinnerung an eine versunkene Notwendigkeit setzte die Brust immer wieder ein, sich in flachen Atemzügen zu heben und zu senken. Wie so vieles anderes nahm die Ruhende dies in sich auf. Sie hatte diesen Ort aufgesucht, weil sie hier unbehelligt sein würde. Und weil sie hier langsam ihr neues Sein erkunden konnte, ohne von Sinneseindrücken schier überwältigt zu werden.
Denn das war das erste, was ihr aufgefallen war, als sie ihre Augen wieder aufgeschlagen hatte. Das, was ihre Augen, ihre Ohren... alle ihre Sinne ihr verraten hatten, war so anders. Intensiver, feiner, in der Macht schier überwältigend - und etwas erschreckend. Hier in der Ruhe des tiefen Kellers konnte sie endlich erforschen, was aus ihr geworden war. In ihr spürte sie immer noch das Verlangen, die Gier nach Lebenskraft. Doch jetzt schlummerte sie, wie ein bösartiges Tier, daß sich vorrübergehend gesättigt der Trägheit hingab. In allen Einzelheiten kam ihr wieder der Augenblick ins Bewußtsein, als es ausgebrochen war, vorhin, als sie gerade erwacht war und Yadran ihr sein Blut hingab. Es war so schnell geschehen. Ein brutaler Trieb hatte sie eingenommen, als der süße Geruch des Blutes ihre nun sehr feine Nase erreicht hatte, und in einer wahnwitzig schnellen Bewegung hatte sie Yadrans dargebotenen Unterarm mit den Fängen eines Raubtiers aufgerissen, ja fast bei diesem Angriff seine Speiche gebrochen. Das Fleisch war wie Papier gerissen und aus der geplatzten Ader das Blut geschossen. Gierig hatte sie es in sich aufgenommen, hatte den warmen, süßen Saft geschluckt und wollte seine Quelle, die ihr verzückte Linderung schaffte, nicht wieder hergeben. Fast hätte sie ihren Geliebten dabei geleert, hätte er sie nicht gewaltsam zurückgestoßen. Und in dem Augenblick kam nach zähem Ringen das Bewußtsein zurück, drängte das Untier in seine Schranken, wo es sich murrend zusammenrollte und mißmutig von seiner Warte starrte. In dem Augenblick wurde ihr vollends klar, was es bedeuten würde, Vampirin zu sein für den Rest der Ewigkeit. Es würde ein steter Kampf werden gegen das, was in ihr wohnte. Und dennoch - sie war sich sicher, ihn aufnehmen zu können. Und der Kampf würde sich lohnen. Allein der kurze Gang an die belebten Orte, die Ansicht des Meeres bei Mondschein und der Geruch der Nacht hatten ihr gezeigt, daß sie auch viel gewonnen hatte. Die Zeit würde zeigen, was ihr noch verborgen war. Und sie würde sie mit Yadran teilen.
In diesem Augenblick schlief das Monster, die junge Vampirin lag ruhig in den Tiefen unter ihrer Burg. Sie war mit sich selbst beschäftigt und damit, sich zu erkennen. Draußen brach ein neuer Tag an, schickte seine goldenen Strahlen über die Wellen bis an die Felsen, doch in deren Inneres drang kein Licht.
Sich ein Nest zu schaffen
"Agonsson, zu mir!" Aus der Luke im Bergfried, hinter der der Oberst sein Quartier hatte, brüllte der Veteran über den Hof der Festung. Danach ließ er sich wieder auf den Stuhl nieder, der an dem kleinem Tisch am Fenster stand. Einen Augenblick starrte er aus dem Fenster in den Himmel und gibg einige Überlegungen durch. Der junge Bursche, den er zu sich rief, war kein schlechter Mann. Ein wenig zu vergnügungssüchtig vielleicht, aber bei den Göttern, er war jung. Dafür hatte er Charisma und Gewitztheit. Lady Amayris hatte ihn auf den Burschen aufmerksam geamcht und sich sehr wohlwollend geäußert. Inzwischen teilte er ihre Ansicht durchaus. Als es an der Tür klopfte, bellte er barsch "Herein!" und unterbrach jede Äußerung des eintretenden Burschen sofort. "Agonsson, ich habe dich die letzte Zeit beobachtet. Du machst dich ganz gut.", knurrte er. Mit einer lässigen Bewegung warf er ihm eine silberne Mantelschließe zu. "Da, fang! Und erweis dich dem Zeichen als würdig, Lanzenführer! Du wirst den Haufen kommandieren, mit dem du schon die ganze Zeit herumziehst. Es gibt mehr Sold und mehr Ärger, wenn du Mist baust. Verstanden? Wenn ja, dann sieh zu, daß du deine Leute auf Vordermann bringst. Brich die Suche nach diesen Räubern ab und übt den Reiterkampf unten auf der Allmende und im Wald. Wegtreten!"
Düsteres Glosen ging von den sechs Kohlebecken aus, die an den Rändern der kleinen Kaverne standen. DIe aufströmende Hitze trocknete die Wände aus und trieb die sonst tropfende Feuchtigkeit in den Fels zurück. Wichtiger aber noch war das Glimmen selber, daß für ein Menschliches Auge lediglich eine grobe Orientierung anhand der roten Punkte im Raum zuließ, diesen aber in seiner Gänze für die Bewohnerin erkennbar machte. Amayris hatte sich diesen Ort erkoren als sicheres Refugium. Außer ihr kannte nur noch Yadran den geheimen Gang, der aus dem Schlafgemach im Palas direkt in den Felsen herunter führte. Und nur sie selber kannte den Zugang zu den Verliesen von hier aus. Und ein Refugium hatte sie nötig, als sie in diesem Augenblick den Raum betrat. Die dunkelgrüne Kapuze wurde zurückgeschlagen und die Haarpracht, die vor kurzem noch in einem kräftigem Rotbraun ihr Gesicht umrahmte, viel in purem Weiß auf die Schultern hinab. Weiß wie der unschuldige Schnee eines Wintermorgens, aber nicht das weiß des Alters, dem sie endgültig entflohen war.
Sie mußte ihre Gedanken erst ordnen. Die Begegnung eben war eine, von der sie überzeugt war, daß sie auch noch an sie zurückdenken würde, wenn ihr Unleben schon weiter fortgeschritten war. Drei Wunden, allesamt für einen Menschen tötlich, hatte sie dem Ding beigebracht. Zum einen, weil die Katzenäugige begonnen hatte, Verdacht zu schöpfen, zum anderen, weil sie das Geschöpf, von dem sie überzeugt war, daß es kein Mensch war, sich gebärdete wie ein kleines Kind, dessen größte Freude der Tod anderer war. Danach hatte sie dem Biest in sich gestattet, die Kraft des Wesens zu trinken, um das Lebenslicht zu löschen. Doch soviel Blut sie aus der vom Schwert aufgerissenen Kehle trank, so wenig wollte das Leben an sich in dem Körper versiegen. Immer noch strahlte das Licht hell wie eine Sonne. Als sie nicht mehr trinken konnte und jeder Mensch lange mehrmals gestorben wäre, begannen die von ihr zugefügten Wunden zu heilen. Schließlich standen sich beide verwirrt gegenüber. Die Vampirin ob ihres Versagens, das andere Wesen, weil sein Blut die Angreiferin gezeichnet hatte: das Weiß seiner Haare hatte sich auf den dunklen Schopf der Herrin von Landsend ausgedehnt.
Die Begegnung hatte einiges in ihr bewegt. Sie hatte ihre neuen Schwächen entdeckt, die neuen Grenzen, die einzuhalten ihre Natur werden mußten. Das Wissen war vorher gewesen, doch nun hatte es seinen Platz in ihrem Bewußtsein gefunden. Das weiße Haar, geprägt duch das aufgenommene Blut, würde ihr Erklärungen abverlangen. Einige Tage konnte sie verbleiben, wo sie nun war, hatte Zeit, um nachzudenken. Ihr Hunger schwieg nach der üppigen Mahlzeit. Aber sie würde Maßnahmen ergreifen müssen. Sie brauchte Leute, die den Tag beherrschten für sie. Wollte sie in Landsend bleiben, würde sie sich Treue schaffen müssen, die über die bisherige hinausging. Sie würde noch viel von Yadran lernen müssen, aber dies würde der nächste Punkt sein, den es sie zu wissen verlangte.
Eine Kammer in der Burg, in der wenig mehr enthalten war als ein großer Tisch. Die Stühle des Tisches waren zurückgerückt und säumten die Wände. An den Ecken standen vielarmige Leuchter, und warfen ihr flackerndes Licht in den Raum. Schatten tanzten über die große Karte, die auf dem massivem Tisch ausgebreitet lag. Schwere einarmige Kerzenleuchter hinderten sie daran sich zusammenzurollen und gaben zusätzliches Licht. Die Blicke von Oberst Zacharias Flint huschten über die beiden anwesenden Frauen. Zum einen war da die Herrin von Landsend. In der letzten Zeit hatte sie sich immer mehr verändert. Sie schlief lange, zeigte sich kaum noch. Sie schien auch an Farbe verloren zu haben im Gesicht. Andererseits war sie so energiegeladen wie immer. Auch jetzt, wo sie der Frau aus Düsterhafen erklärte, welche Fortschritt in Landsend erzielt worden waren in den letzten Monden. Gerade wies sie auf die Stelle der Karte, an der der neue Steinbruch eingezeichnet war, in dem die Gefangenen eingesetzt wurden, um schwere Quader zu brechen, die später für neue Befestigungen an der Küste genutzt werden sollten. Die andere war die Gesandte aus Düsterhafen. Wieder diese Lady Niowe Ray'Ur von den Dienern des Chaos. Sie trug ein elegantes Hemd und robuste Hosen, beides in den dunklen Farben ihres Ordens. Der Oberst mißtraute ihr. Oder vielmehr mißtraute er dem, wofür sie stand. Er hatte nicht vergessen, daß all diese Bestrebungen Lady Amayris, Landsend in eine einzige Festung zu verwandeln, irgendwie mit dem Auftauchen dieser Frau zusammenzuhängen schienen. Was führte sie im Schilde? Wieder hob er den schweren Kelch an die Lippen und trank mißmutig einen Schluck Wein. In der Bewegung hielt er inne, als er bemerkte, daß die beiden plötzlich zu ihm sahen. Ebenso schnell jedoch hatten sie die Blicke wieder auf die Karte gesenkt, daß ihm bereits in diesem Augenblick Zweifel kamen. Nachdenklich trank er einen Schluck des Weines und sah diesen danach etwas verwundert an. Es mußte ein neues Faß angebrochen sein. Dieser Wein hatte eine seltsame, erdig-eiserne Note im Abgang. Eigenwillig, aber trinkbar. Noch einen Schluck nahm er und stellte den Kelch auf die Tischplatte zurück. Kurz räusperte er sich und ergriff dann selber das Wort, um einige Dinge bezüglich der Aufstellung der neuen Einheiten klarzustellen.
Nachdenklich sah Amayris auf den Tisch vor sich. Die Herrin der Burg saß in einem kleinen Kaminzimmer im Palas, oberhalb des großen Saales und nicht fern von ihrem Schlafgemach. Neben dem Feuer im Kamin warfen drei Kerzen in einem Silberleuchter auf dem Tisch ihr unstetes Licht in den Raum. Vor ihr standen ein Krug mit etwas von dem schwerem Wein, den sie extra für dieses Unterfangen beschafft hatte, und zwei fein gearbeitete Pokale.
Es gestaltete sich als schwerer denn erwartet. Die Dinge in Landsend schienen sich zu wehren, schienen sich ihrem Bestreben, sie den Bedürfnissen der jungen Vampirin anzupassen zu widersetzen. Früher oder später würde, wenn sie keine Vorsorge träfe, ihr dünner Deckmantel brechen. Sie konnte nicht zulassen, daß sich ihre neue Natur ihren Leuten offenbart würde. Aber ihre Mittel, dagegen anzugehen hatten noch nicht angeschlagen. Der Oberst schien von ihrem Blut nicht beeindruckt zu sein. Vielmehr war er noch mißtrauischer geworden.
Vielleicht war einfach mehr nötig. Sie würde es weiter versuchen. So, wie sie ihr Schlachtroß wieder an sich gewöhnt hatte. Es hatte lange gedauert und war schmerzhaft gewesen. Flamme war alles andere als überzeugt gewesen, seine Reiterin vor sich zu haben. Der Hengst hatte gebockt und war auf die Hinterhand gegangen, hatte ausgetreten. Es war ein grandioses Schauspiel equiner Wehrhaftigkeit gewesen und Amayris war sich sicher, als Mensch hätte sie es nicht überstanden. Mehrmals hatte sie qualvoll gespürt, wie sich in ihr Knochen wieder zusammenfügten. Als er müde war, hatte sie aber dann Gelegenheit gehabt, sich ihm doch zu nähern. Und mit viel ruhigen Worten und den ihm vertrauten Gesten hatte sie es tatsächlich geschafft, ihn davon zu überzeugen, sie wieder zu tragen. Der Schmerz hatte sich gelohnt. Zu hoffen blieb, daß der junge Hagen ihre Ausflucht mit dem Ettingeruch glauben würde.
Doch genug davon, nun hieß es, sich auf die Ankunft von Oberst Flint vorzubereiten. Entschlossen stand sie auf und schob den Ärmel ihres Rüschenhemdes zurück. Der Unterarm war schnell an den Mund geführt und die Zähne senkten sich in das eigene Fleisch. Blut quoll hervor und fand kurz darauf seinen Weg in den Wein...
Hagen:
Bisher war ich es nur gewohnt das Pferd zu nutzen, um von einem Ort zum anderen zu reiten. Eher weniger dachte ich daran, vom Pferderücken aus zu kämpfen. Schatten ging es hier nicht viel anders und so verwunderte es mich auch nicht wirklich, dass Schatten zuweilen etwas mürrisch reagierte, wenn der Lärm um ihm herum etwas größer wurde und auch der Platz entwas enger wurde. Wir beide hatten hier noch viel zu lernen.
Dem kleinen Haufen, den ich anführen sollte, ging es allerdings noch schlechter dabei. Diesen fehlte teilweise sogar noch das gänzliche Verständnis zu ihren Pferden und somit war ich zumindest nicht der einzige der sich hin und wieder mal dezent blamierte.
Wohl zum Schutze der eigenen Leute und auch meinem eigenen machte ich den anderen einen vorschlag, der durchaus auch auf Gegenliebe stieß. Wer sich über einen Sturz oder allgemein herablassend über die Reitfähigkeiten eines anderen der Gruppe äußerte, hatte am Abend eine Runde auszugeben. Natürlich auch derjenige, welche die meisten Stürze am Tag absolvierte. Und selbstredend war auch, dass diese Abmachung die Gruppe nicht zu verlassen hatte.
Die Freude am Exerzieren war zumindest nicht übermäßig, jedoch waren alle darauf bedacht Fortschritte zu machen. die Intensität dieser hatte mich jedoch überrascht. Vor allem auch die eigenen.
Und so kam es einmal mehr, dass mich die Burgherrin Amayris zu sich zitierte und mich ob der Fortschritte aushorchte. Irgend wie hatte ich das Gefühl, dass sie mich in irgend einer Form auf den Kieker hatte, inwiefern vermochte ich jedoch nicht zu sagen. doch diesen Punkt wollte ich mir irgend wann noch mal bei einem guten Bier durch den Kopf gehen lassen.
Das weitere Gespräch kam dann in Richtung meiner weiteren Planungen für den Abend und meiner Verfügbarkeit für den selbigen. Mein Dienst war beendet... rein prinzipiell. Doch aus irgend welchen Gründen verwarf ich den ersten Gedanken wieder und schlug als für mich alternative einen kleinen Erkundungsritt vor. Diese Idee fand Akzeptanz.
Einmal mehr warf sich über einen Teil des Abends ein gewisser Schleier, nur mit der Besonderheit, dass dieses Mal kein Bier mit im Spiel war. Ob dies nun eine Art Verdrändungsmechanismus meinerseits war oder dieses einen anderen Grund hatte, lässt sich schwer von mir in Gedanken fassen. Aber vielleicht bilde ich mir dieses auch nur ein. Ich werde darüber nachdenken...
Der Wind spielte mit dem offenen, langen Haar der Frau, der Umhang wehte immer wieder ein wenig auf und schlug um die kräftigen Beine der Herrin von Landsend, als sie dort auf den Zinnen der Nordbastion ihrer Festung stand. Bewegungslos genoß Amayris die Schönheit der nächtlichen Aussicht. Im strahlendem Licht des Mondes reichte ihr Blick weiter als jemals am Tag und sie konnte sogar die Fahnen der auch nachts noch verhalten rauchenden Kamine der Erzhütten in den Hügeln weit im Norden erahnen. Der große Steinbruch strahlte hell aus dem ansonsten dunklen Wald, durch den sich der Fluß wie ein silbriges Band zog. Sie konnte zufrieden sein mit dem, was unter ihrer Führung entstanden war. Ihr Lehen wuchs und gedieh weiter. Immer noch kamen von Zeit zu Zeit Freie nach Landsend, um einen Hof aufzubauen oder ihrem Handwerk nachzugehen. Aber längst waren die meisten Neuzugänge solche, die in Ketten die Küstenstraße entlanggetrieben wurden oder von Schiffen herangeschafft, um in den Bergwerken oder Steinbrüchen zu verschwinden. Die Listen sprachen inzwischen von einigen Hundert Sträflingen, die den Kerkern Namoths entkommen waren. In den Hügeln von Landsend hatten sie harte Arbeit zu erledigen, dennoch ein besseres Schicksal als der Tod oder das Vermodern in einem Kerker in Düsterhafen. Ihr Blick fiel auf den Ort, der sich in einigen Meilen Entfernung unterhalb der Burg erstreckte. Längst war es nicht mehr das kleine Dorf, als daß es angefangen hatte. Und die alte Allmende war inzwischen zugebaut. Einen guten Teil davon hatte Lady Fenya zugesprochen bekommen. Auf ihrem Gut sollte sie Hilfe bekommen von einigen der Kriegsgefangenen, die aus Cove hergebracht worden waren. Leicht runzelte sie ihre Stirn, als sie noch einmal ihre Entscheidung für sich in Frage stellte. War es eine gute Eingebung gewesen, Lady Fenya Land zuzusprechen, damit sie hierbleiben könne? Sicherlich würde sie hilfreich sein in der Aufrechterhaltung der Ordnung. Und was sollte sie schon groß anrichten? Der Blick aus den klaren aber untoten Augen ging weiter, hin zu den wuchtigen, massiven Gebäuden am Ende des Ortes. Aus den Blöcken, die die Sträflinge in den Steinbrüchen geschlagen hatten, war die neue Kaserne entstanden. Dort sollten ihre Hellebardiere und die leichte Reiterei Unterkunft finden. Außerdem sicherten die festen Gebäude den Ort zum Landesinneren hin und lagen wachend direkt neben dem Anwesen Fenyas. Sie hatte den Ort für dieses schon mit bedacht gewählt. In der Kaserne residierte nun ihr Oberst und überwachte die Fortschritte der Rekruten. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, fast ein wenig hämisch. Sie konnte ihn dort unten spüren. Sie war sich inzwischen auch ziemlich sicher, daß er Rückschlüsse gezogen hatte, was sie war. Aber er würde nichts mehr gegen sie unternehmen können. Sie konnte das Band spüren. Ebenso das zu ihrer Leibzofe Sieglind und der jungen Burgleutnantin Esme Gaffronshofer. Alles kam allmählich an seinen Platz. Auf der Burg war es etwas ruhiger geworden. Das Zentrum der Betriebsamkeit hatte sich in den letzten Monaten eindeutig in den Ort verlegt, was ihr recht entgegen kam. Sie fühlte sich inzwischen sicherer als zur Zeit ihrer Neugeburt. Und allmählich wurde ihr neues Sein zur Gewohnheit. Ihre Umgebung war mehr unter ihrer Kontrolle und sie fand einen gewohnten Rythmus in ihre Existenz. Sie konnte sehr zufrieden sein. Einzig eine Tatsache trübte die Perfektion. Seit einiger Zeit nun spürte sie nur selten noch Yadrans geistige Nähe durch das Blut, was sie verband. Er war schon eine gute Weile fort. Aber sie wollte sich nicht beklagen - sie würde beginnen müssen, in ewigen Zeitrahmen zu denken. Das würde wohl noch eine Weile dauern.
Kontakte
Ein Problem an hochfliegenden Plänen war Arbeitskraft. Für all die Bauten, Brüche und Bergwerke waren viele Arbeiter nötig. Das Problem war zufriedenstellend mit den Sträflingen gelöst worden. Ein anderes Problem war aber Geld. Soldaten und Bauhandwerker wollten bezahlt werden. Die Rechnung war einfach: Geld bekommt man durch Steuern oder Verkauf von Waren. Steuern zahlen nur Bürger, während Bauern meist ihren Zehnt an Ertrag abliefern. Verkauf bedeutet Handel, der wiederum von Bürgern betrieben wird. Amayris hatte schon begonnen, ihre Fühler auszustrecken. Für einen Handel, der über den mit Düsterhafen hinaus ging, kamen nur die kleinen, neutralen Reiche in Frage. Als Mayra Toran war sie schon unterwegs gewesen auf den Inseln des Herzogtums und hatte sich incognito mit Senatorin Meta getroffen, um sich zu informieren. Bislang war Jhelom stark an Britain gebunden, aber es traf sich gut, daß dort die Güter erforderlich waren, die Landsend zu bieten hatte. Ein wenig diskreter Handel würde nicht schaden.
Diskretion... ihre Gedanken schweiften kurz ab. Bei der Verabschiedung hatte sie an Meta eine Verwirrtheit festgestellt, die aus ihren Worten allein nicht gekommen sein konnte. Die waren klar gewesen. Offenbar war sich die Frau nicht bewußt, wie sie überhaupt ans Tor gekommen war. Die Kräfte der jungen Vampirin waren also erwacht, sie mußte sie nur noch lernen zu beherrschen. Ob hier auch Übung hälfe? Versonnen sah sie eine Weile durch das Zimmer. Eine einzelne Kerze stand auf ihrem großen Schreibtisch, der die Mitte der Kammer dominierte. Die kleine Schreibstube direkt neben dem Thronsaal wurde für ihre Augen recht gut ausgeleuchtet. An den Wänden standen Regale mit verschiedenen Packen Steuerlisten, Kopfzählungen, ihren Edikten. Sogar manches Dokument aus Schlangenfest hatte sich hier eingefunden. Auf dem Tisch lag der aktuelle Bericht über die Fördermengen ihrer Bergwerke, dazu Schreibzeug und leere Bögen.
Langsam zwang sie ihre Gedanken zurück zu ihren derzeitigen Belangen. Sie brauchte jemanden, der es verstand, Warenmengen zu beherrschen. Sie konnte sich langsam nicht mehr um jede Tonne Erz selber kümmern, um jeden Klafter Holz ebenso wenig. In der Verknüpfung mit "Waren" und "Mengen" kam ihr sofort ein Name in den Kopf. Für sie der Inbegriff des gewieften Handelsherrn. Vielleicht konnte sie ihn ja dazu bringen, sich ihrer Probleme anzunehmen. Also griff sie nach Feder, Pergament und Tintenfaß und begann einen Brief an einen alten Bekannten aus schlangenfester Tagen zu schreiben.
"Ich entbiete euch meine Grüße, Ceallach,
ich hoffe, um euch und eure Geschäfte ist es wohl bestellt. Man hat in letzter Zeit wenig voneinander gehört. Sicherlich wart ihr geschäftig und eingespannt. Aber vielleicht habt ihr dennoch die Gelegenheit, euch mit meinem Anliegen zu befassen. Um auf den Punkt zu kommen: Ich hatte schon einmal den Vorschlag einer Zusammenarbeit auf Handelsbasis gemacht. Damals war mein Angebot nicht sonderlich attraktiv für euch, schien mir. Heute aber kann ich sagen, hat sich zu damals betrachtet einiges verändert in meinem Lehen. Heute sind es nicht einige Klafter Holz, die ausgeführt werden, sondern beträchtliche Warenmengen, zuförderst verschiedene verhüttete Metalle. Ich wäre bereit, über eine weite Zusammenarbeit mit eurem Handelshaus zu diskutieren und entsprechende Abkommen zu treffen. Vielleicht könnt ihr es einrichten, meiner Einladung nach Landsend Folge zu leisten. So ihr kein eigenes Schiff für den Weg beanspruchen wollt, so könnt ihr via Düsterhafen mit einem Küstensegler recht bequem Landsend erreichen oder über die Küstenstraße anreisen. Ich freue mich auf einen gepflegten Abend bei einem guten Tropfen Wein.
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest, Herrin über das Dominium Landsend, Burgsassin zu Landsend, Ritterin des Reiches Namoth"
Es war eine seltsame Episode gewesen. In der Abendstunde eines Tages wurde Amayris von aufgeregten Wachen nach draußen gerufen. Weit unter den Klippen war ein Kutter längsseits zur Festung Landsend gegangen. Unverschämt forderte der Kapitän des Seelenverkäufers Proviant, aber eine kurze Reichweitendemonstration der Festungsgeschütze hatte den Anmaßenden zur Besinnung gebracht und bei den anschließenden Verhandlungen hatten sowohl die Bauern des Dorfes als auch die Mannschaft des Kahnes einen guten Schnitt gemacht, wie man der Burgherrin zutrug. Der Kapitän blieb dann noch länger auf der Burg. Nach allem, was er so von sich gab und noch mehr nach dem, was er versuchte zu verbergen, war der Mann von größerem Interesse für die Amayris. Es konnte sich in Zukunft nützlich erweisen, sich diesen Kontakt offen zu halten.
Nun stand er vor ihr und brachte seine Wünsche bezüglich einer zu übermittelnden Nachricht und einer Eskorte vor. Einige Augenblicke erfüllte Schweigen die große Halle, während die bleichen Finger der untoten Herrin das dunkle Holz der Lehnenenden ihres Thrones streichelten und das Kaminfeuer gespenstische Schatten an die Decke zauberte. Dann hob sie die Stimme. "Es sei. Ihr bekommt eure Begleitung, doch wird euch leichte Kavallerie genügen müssen. Leutnant Gaffronshofer! Agonsson soll sich darum kümmern. Gebt das an den Oberst weiter." Die junge Burgoffizierin nickte zur Bestätigung und verließ den Raum.
Dumpf schlugen etwas weiter entfernt Tropfen auf den steinernen Boden. Das stete Pochen drang mühelos durch die dunkle Stille, die nur ab und an von einem fernen Kettenrasseln unterbrochen wurde. Muffiger Geruch drang an den feinen Geruchssinn der Vampirin, durchsetzt mit dem bekanntem Duft kalten Blutes. Die Lagen des aufwendigen Kleides hatten sich um die beiden Körper gelegt, gleich einem grünen Leichentuch. Still lagen die beiden auf dem Boden, die Hure unten, die Burgherrin oben. Kein Atemzug, kein Herzschlag. Vor einigen Wochen war die junge Hure nach Landsend deportiert worden. Ihre Strafe für den Mord an einem Freier war eigentlich der Tod gewesen, doch wurde daraus Strafarbeit. Und nun hatte das Schicksal sie wieder ereilt. Ein Monster hatte die Tür zu ihrer Zelle aufgestoßen, Klauen und Zähne in den nur noch von Fetzen verhüllten Leib geschlagen. Die wenigen Reste des Blutes lagen an der Erde und hingen an Lippen und Kinn der Burgherrin. Amayris hatte ihren Hunger gestillt. Nun lag sie ruhig und nachdenklich auf dem erkaltetem Leib ihres Opfers. Doch ihre Gedanken waren nicht von Schuld geprägt. Es war eine Mörderin, eine Hure, deren Verstand schon lange gebrochen war. Seit den ersten Versuchen der jungen Vampirin, einen menschlichen Geist zu beherrschen, hatte die Gefangene nur noch als sabbernde Wirre in der Dunkelheit vegetiert. Es war mehr eine Erlösung. Nein, sie dachte an die junge Frau die Niowe angebracht hatte. Laveniya, ebenfalls ein Opfer einer mißglückten Gedächtnismanipulation. Aber Niowe hatte nur Erinnerungen genommen, der Verstand der jungen Frau war noch wach - nur quälte sie das Nichtwissen. Amayris würde der einen helfen. Ein wenig gut machen, was sie an der anderen verbrochen hatte. Für Laveniya würde es einen neuen Anfang geben.
In der Nacht hatte sie von Niowe erfahren, daß Düsterhafen angegriffen worden war von See aus. Amayris war sofort beunruhigt gewesen - nicht um Niowes Unversehrtheit fürchtend, denn die ältere Vampirin stellte sich in ihren Augen als durchaus wehrhaft dar. Ihre eigene Herrschaft, ihre Leute waren es, die es galt zu schützen, sollten die Meerwesen auch auf Landsender Strände kriechen. Noch vorm Morgengrauen war der Oberst einbestellt und unterrichtet.
Schwere Netze waren bald darauf in der Mündung des kleinen Flüßchens ausgelegt worden. Nach Dunkelheit sollte sich kein Untertan der Amayris von Zackbergen und Schlangenfest mehr allein und unbewaffnet herumtreiben. Am Strand war eine Wachplattform errichtet worden und jeden Morgen wurden alle Strände erneut nach Spuren von Spähern abgesucht. Dazu hatte jeder Haushalt einen Vorrat an Brandpech zugeteilt bekommen, mit dem eventuellen Angreifern zu Leibe gerückt werden sollte. Auch die Pfeile der Milizsoldaten waren mit Werg und Pech präpariert.
Amayris war sich jedoch bewußt, daß eine der stärksten Waffen eine war, die sie nur mit bedacht einsetzen konnte: Die Kräfte, über die sie selbst gebot und auch Niowe, die zugesagt hatte, zu helfen.
Falls es dazu kommen sollte...
Eine komplizierte Hochzeit
Die brennende Kerze war eher nur ein Alibi, dazu gedacht, anderer Augen zu beruhigen denn ihren eigenen Licht zu spenden. Amayris brauchte schon eine gute Weile kein künstliches Licht mehr, um nachts ihre Schreibarbeiten erledigen zu können. Sie mußte sich damit abfinden, daß sie bei ihren Leuten inzwischen als seltsam galt, aber sie hatte den Übergang in ihre neue Existenz gut vorbereitet gehabt.
In einiger Zeit würde es ein neues Stück in diesem Mosaik geben. Zwar waren sie schon lange im Blut einander verbunden, aber ihr Stand gebot eine Trauung. Yerabeth hatte zugestimmt, auf dieser etwas besonderen Hochzeit Yadran und Amayris vor aller Augen zu verbinden, wieder in ihrer damaligen Tarnung als "Priesterin der Nachtblume". Es würde Gerede geben. Aber aus bestimmten Gründen fielen diverse Alternativen aus. Tyraelkulte waren glücklicherweise in Namoth nicht gerne gesehen, so daß es kein Problem war, sich nicht in seinem Namen trauen zu können. Und gegen eine Hochzeit im Namen der Drei hatten beide Brautleute Abneigungen - und nicht nur sie. In Landsend hatte der Kult sich nie etablieren können.
Es mußte noch so viel organisiert werden. Ein wenig nachdenklich schaute sie auf die Papiere vor sich. Die Speisenfolge würde Probleme bereiten. Oder eher die Nahrungsvorlieben vieler Gäste. Auch Niowe hatte für das Problem bisher keinen Ratschlag geben können. Immer noch unzufrieden, daß sie bisher keine Lösung gefunden hatte, machte sie sich wieder daran, die Gästeliste durchzugehen.
"Geehrte Mitglieder des Schattenrates, ich möchte dem Schattenrat als meinem Lehensherrn hiermit meine Vermählung bekanntgeben. Am dritten Wochenbeginn dieses Mondes wird in Landsend am Abend die Hochzeit zwischen mir, Amayris von Zackbergen und Schlangenfest, und meinem Anverlobten, dem hochgelehrtem Herrn Yadran Toranas, vollzogen werden. Noch in derselben Nacht wird der Bund feierlich gewürdigt. Einige der Gäste sind Bekannte des Paares aus alten Tagen und werden unter dem ausgerufenem Turnierfrieden in das Reich von außerhalb einreisen. Ich verbürge mich für deren friedliches Verhalten innerhalb unserer Grenzen und bitte sie trotz anderzeitiger Kontroversen als meine Gäste ehrenvoll zu behandeln. Achtungsvoll Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominium Landsend"
"Volk von Landsend, frohlocke! Es ist ein freudiges Ereignis zu begehen. Deine Herrin hat schlußendlich von den Göttern doch einen Mann gewiesen bekommen, mit dem sie willens ist, den Bund der Ehe einzugehen. So soll dann die Hochzeit von Lady Amayris und Lord Yadran begangen werden am nächsten Wochenbeginn zur achten Stunde am Abend. Geladen sei jeder, ob jung oder alt, auf Geheiß seinen Anteil zu nehmen an Essen, Trinken und Frohsinn. An diesem Tag soll alle Arbeit ruhen und auch am folgenden, damit das Ereignis gewürdigt werde!" (gesiegelt mit dem kleinen Siegel des Dominiums)
"Sonderbefehl für den Wochenbeginn: Sämtliche Strafarbeiter sind für einen Tag von der Arbeit zu befreien und in feste Unterkünfte zu sichern. Ausgabe von einem Becher günstigen Wein an jeden Gefangen, dazu die doppelte Menge Brot und Suppe. Die Wachmannschaften die an diesem Tag Dienst tun sind mit drei Tagen Sonderurlaub für die Tage danach zu vergüten. Jeder Mannschaft sei ein Braten vom Schweineschinken oder vom Rind zuzuteilen, jedoch kein Wein oder Brandt. Disziplinlosigkeit sei gemäß geltendem Artikelbrief zu vergelten! Oberst Zacharias Flint, Landsend"
Diese Nachricht wird an folgende Vampire der Schattenwelt geschickt: Yerabeth Jerean, Ancanagar Tyenes, Niowe Ray'Ur, Anyera, Ahmed ibn Rashid, Istan Horbin, Neriel Nandar, Julara Drakon, Yessica und Erylian Nisonaies:
"Wir entbieten dir unsere Grüße!
Schon seit vielen Nächten sind wir durch das Blut gebunden, doch nun ist es an der Zeit, auch in der Welt der Sterblichen unseren Bund kundzutun. Also soll eine Hochzeit gefeiert werden auf Landsend zwischen uns. Wir würden uns freuen, wenn du mit deiner Begleitung in dieser Nacht unser Gast sein könntest! Stattfinden wird die feierliche Schließung des Bundes am siebzehnten Tag des ersten Mondes in diesem Jahr auf Burg Landsend über Namoths Küste. Die Feierlichkeiten werden zusammen mit Unwissenden begangen werden und wir bitten, davon abzusehen, sich von anderen Gästen zu nähren. In den Kellern der Burg ist genug Nahrung gelagert für diesen Anlaß!
Wir entbieten dir unseren nächtlichen Gruß
Amayris und Yadran, beide von Kerahs Blut"
Eine so oder ähnlich lautende Nachricht erhalten Nikalon, Thorian, Beleth de-Azkeel, Aladar Delorion, Nepo Quellsar, Thorales Kelnorem:
"Ritterlicher Gruß sei euch entboten!
Anläßlich der Vermählung von Lady Amayris und Lord Yadran seid ihr auf Burg Landsend ob Namoths Küste geladen. Die Zeremonie wird am dritten Montag des Jahres zur achten Stunde am Abend durchgeführt werden. Anschließend wird der Anlaß feierlich in offener Runde begangen. Für euch und ein kleines Gefolge ist auf der Burg Platz freigehalten.
Amayris von Zackbergen und Schlangenfest Yadran Toranas"
Ein Schiff läuft in den Hafen Jheloms ein, um Barren rohen Eisens gegen verschiedene Tuche mit Gewinn zu handeln. Während die Mannschaft und die Hafenarbeiter mit dem Schauern beschäftigt sind, macht sich der Kapitän auf den Weg zum Anwesen der Senatorin für Äußeres:
"Geehrte Senatorin,
mein Name mag euch fremd vorkommen und noch mehr diese plötzliche Einladung zu einem gesellschaftlichem Anlaß so fern eurer Pflichten und Heimatgestade. Dennoch sind wir uns vor einiger Zeit begegnet und diese Begegnung hat sich für meine Belange als sehr fruchtabr ausgewiesen. Um die Beziehungen zwischen unseren Ländereien zu verbessern möchte ich euch anläßlich meiner eigenen Hochzeit nach Landsend laden. Am dritten Wochenbeginn des neuen Jahres wird sie auf meiner Festung abgehalten werden. Teilt dem Kapitän des Schiffes eure Antwor und Anreisewünsche mit und er wird für euch und ein kleines Gefolge alles in die Wege leiten.
Amayris von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominums Landsend, Namoth"
Der junge Mann im dunkelgrünem Wappfenrock griff wieder in seinen beutel am Gürtel, um sich zu vergewissern, daß der brief noch darinnen war. Er hatte den Auftrag, dieses Schreiben persönlich abzugeben, aber bis heute hatte er den Adressaten noch nicht gefunden und allmählich wurde die Zeit knapp. Die Frage war allein schon, ob dieser Glutor deVagov noch lebte. Die Herrin hatte ihm auf den Weg gegeben, es sei ihr wichtig, daß ihr Schwertlehrer von einst ihr Gast auf der Hochzeit sei. Aber er sollte damals schon ein gestandener Kämpe und erfahrener Drachenjäger gewesen sein. Und niemand wurde jünger... Aber zumindest bis zu diesem Tag würde er weitersuchen. Immerhin hatte der Mann tatsächlich seine Spuren hinterlassen in Trinsic und anderswo. Nur war er offenbar auch sehr reiselustig. Man würde sehen, wohin der Weg noch führen würde.
"Heda, ist jemand zuhaus?", gellte eine Stimme über das Brechen der Brandung hinweg. Am Tor des montregarschen Anwesens stand ein junger Bursche, bewaffnet in der Art leichter Kavallerie und ein Pferd am Zügel hinter sich haltend. Insgeheim hoffte er, daß dieser Herr Montregar anwesend war. Ja, sicher, man hatte ihm nur drei Einladungen gegeben - aber die an die beiden Damen waren doch nicht leicht zuzustellen, hatte er gemerkt. Vielleicht konnte ja der Herr des Hauses ihm weiterhelfen. Man sagte ihm nach, daß er über unheimliche Kräfte verfüge, die sich selbst Magier nicht erklären könnten. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Ob er wohl in der Lage und willens war, die Nachrichten an diese Mirahdes Laskari und Xuryna irgendwie ankommen zu lassen? Er hoffte es. "Heda! Ich habe eine Einladung von Lord Yadran an Herrn Montregar und Begleitung!", rief er noch einmal.
Am Abend vor der Hochzeit machte Amayris sich auf, die Fortschritte im Ort zu begutachten. Die meisten Feiernden würden hier unten bleiben zwischen den Häusern an ihrer Vermählung teilhaben. Überall konnte man die Früchte der Vorbereitungen bemerken. Die Häuser waren mit Grün und Bändern geschmückt. Überall roch es nach Gebackenem, welches nach Anweisung der Herrin zubereitet wurde. Am "klingenden Amboß" wurden vom Hafen her schwere Fässer in den Keller gebracht. Dorthin lenkte sie auch zuerst ihr Streitroß, das inzwischen seine alte neue Reiterin vollends akzeptiert hatte. Ruhig trottete Schwarze Flamme auf den "klingenden Amboß" zu und ließ sich bereitwillig davor anbinden. Die Anwesenden grüßten sie respektvoll und sie bedeutete ihnen mit einer kurzen Handbewegung, ihre Tätigkeiten fortzusetzen. Dann betrat sie das Gebäude, um Ceallach den Händler zu treffen. Mit ihm und später noch mit Lady Fenya war einiges zu besprechen.
Es hatte ein Fest gegeben. Aber es war keine Hochzeit geworden. Während Amayris unter ihren Untertanen saß, am Kopf der großen Tafel, an dem zwei hohe Stühle aufgebaut worden waren, aber sie nur einen davon besetzte, lag das schneeweiße Brautkleid mit den aufwendigen Spitzen im hohen Saal oben auf der Burg. Sie hatte es dort ausgezogen, nachdem Yadran die Hochzeit hatte platzen lassen und gegangen war. Achtlos war es auf den Thron geworfen worden, während sie ihren Soldaten den Befehl gab, die Gäste nicht gehen zu lassen. Zu dem Zeitpunkt hatte sie noch Hoffnung auf ein gutes Ende.
Vergeblich war die Hoffnung. Yadran wollte nicht einmal mit ihr reden. Also schickte sie seine Gäste weg oder ließ sie noch wie zugesagt eine Nacht auf der Burg übernachten. Dann jedoch zog sie hinunter in den Ort und gab wenigstens den Bürgern dort die Feier, auf die man sich so lange gefreut hatte. Obwohl die Musikanten auf der Bühne spielten und man an den Tischen aß, trank und spielte, schien es ihr jedoch, als wenn die Ausgelassenheit sich nicht einstellen wollte in der Art, wie sie es sich gewünscht hatte. Vielleicht war sie selber nur niedergeschlagen genug, um die Freude der einfachen Leute nicht zu bemerken. Einige indes drückten ihr Bedauern aus. Sie nahm den Zuspruch entgegen und auch die vielen Trinksprüche, die auf sie ausgebracht wurden. Und sie war gerührt. Das waren ihre Untertanen - ihr Landsend.
Und die Zukunft? Nun, sie würde ihre Pflichten haben. Sie würde die nächsten Jahre noch herrschen, bis Luitgardis soweit sein würde, ihr Erbe anzutreten. Die junge Knappin war ihr inzwischen wie eine Tochter ans Herz gewachsen. Und Yadran? Yadran würde am Busen ihrer Nebenbuhlerin liegen. Er hatte Amayris sein Herz entrissen und ihres dabei zum bluten gebracht, um dem Moloch Britain ein Opfer zu bringen. Britain. Sie begann diese Stadt zu hassen. Schon zum zweiten Mal griff dieses Biest nach ihrem Glück, zum zweiten Mal hatte es ihr Leid zugefügt. In ihrem Gaumen begann es leicht zu ziehen, aber sie hielt die Lippen fest geschlossen, um ihre wachsenden Fänge vor ihren Leuten zu verbergen.
Das Biest würde irgendwann leiden müssen für all ihren Schmerz.
Es wurde Morgen in britannischen Landen. Die Strahlen der Sonne tasteten sich langsam über die Wipfel der Bäume und über die Dächer der im Süden liegenden Metropole des Königs und eroberten die Lande von der Nacht zurück. Die ersten Leute waren überall zu sehen, wie sie begannen, ihr Tagwerk zu vollbringen.
Auf einem der Wege, die aus der Stadt hinausführten, wandelte eine junge Frau. Sie hatte einen Korb mit frischen Blumen an den in die einfachen Gewänder einer Handwerkerin gehüllten Leib gedrückt. Schweigend setzte sie einen Fuß vor den anderen, hielt den Kopf leicht gesenkt. So bemerkte sie recht spät erst, daß etwas vor ihr auf dem Weg lag.
Als sie aus den Augenwinkeln des Schattens gewahr wurde, der vor ihr auf den Weg fiel, sah sie auf. Ihre Augen erkannten, was da vor ihr lag und sie hatte Mühe, sich nicht übergeben zu müssen. In einer Lache aus Blut, das noch nicht ganz vom Boden aufgesogen worden war, lag der übel zugerichtete Leichnam eines Mannes. Das in Fetzen gerissene Gewand ließ viele Einblicke auf einen von Klingen zerstörten Leib zu. Der Kopf indes war ganz abgehauen worden und fehlte.
Eilig wandte die Frau sich ab und lief so schnell ihre Beine sie tragen wollten in die Stadt zurück, um dort Bescheid zu geben und von ihrem Fund zu berichten.
Rastlos war Amayris durch den Wald gewandert. Die Ereignisse der letzten Nacht ließen sie nicht los - jener Nacht, die eine der schönsten für sie hätte werden sollen und eine der blutigsten Nächte wurde, die sie bisher erlebt hatte. Sie hatte sich seit ihrem Wandel noch nie so gehen lassen wie vor wenigen Stunden. Nachdem sie das Fest in Landsend verlassen hatte, begann sie ihr ganz eigenes blutiges Spektakel zu zelebrieren. In ihr hatte es nach Vergeltung geschrien für die Schamch, die ihr angetan worden war. Und um den Verlust zu verwinden hatte sie sich bereitwillig den Schreien ergeben und hatte sich zusammen mit Niowe in einen blutigen Rausch begeben. Zuerst draußen, wie Schatten des Todes durch die Lande fliegend, später in den tiefen Kellern der Burg, in denen jene lagerten, deren Blut für bestimmte Gäste der Hochzeit bestimmt gewesen war.
Nun war die nächste Nacht und wieder hatte es sie hinausgetrieben. Doch schliefen ihre monströsen Züge wohlig in fetter Sättigung. Nun war sie wieder allein mit ihren Gedanken. Die frische Nachtluft sollte ihr Ablenkung bescheren. Das tat sie auch, aber in einer Weise, die sie nicht vermutet hatte: Eine neugierige und sehr strebsame junge Frau, zufällig mit ähnlichem Ansinnen aus dem Ort zu den Klippen aufgestiegen, wurde ihre unvorhergesehene Gesellschaft. Diese Amreia Shyr bestürmte sie mit ihren Plänen, Ideen und Ambitionen, während die Landesherrin ihren Weg durch den Wald fortsetzte. Offenbar hatte sie große Pläne mit ihrer Zukunft und allmählich brach sie sich eine Bahn ins Bewußtsein der Vampirin. An der Bucht von Landsend angekommen schließlich begann Amayris das Können zu prüfen und stellte überrascht fest, daß Amreia wohl Fähigkeiten besaß, die sich nützlich erweisen mochten. Sie schickte sie aus, sich Lady Fenya für den Hafenbau anzuempfehlen.
Wieder alleine begegnete sie nur noch ihren eigenen Soldaten auf nächtlicher Patroillie. Hagen mußte sich eine Weile alte Geschichten anhören, aber es tat ihr gut. Schließlich kehrte sie zurück zur Burg. Der zu bauende Hafen würde sie etwas ablenken. Sie hatte vor gehabt, Fenya das Meiste erledigen und planen zu lassen, aber sie würde sich wohl mehr daran beteiligen. Und da waren einige Gäste auf Landsend in näherer Zukunft, die die fernere bestimmen konnten.
"Bekanntmachung!
Seit dem gestrigen Tage ist der Magus Yadran Toranas nicht mehr als Herr Landsends oder Anverlobter der Lady Amayris anzusehen oder anzusprechen. All seine Rechte auf dem Boden des Dominiums sind verwirkt, einschließlich aller Titel und Funktionen. Sollte diese Person von braven Bürgern Landsends gesichtet werden, so sei sie nicht anzugreifen oder festzusetzen, aber den Bestallten der Obrigkeit und Lady Amayris selbst in jedem Falle unverzüglich zu melden. Es besteht die Gefahr, daß Yadran Toranas sich gegen Unschuldige wendet. Gewarnt sei ausdrücklich vor seinen beachtlichen Kräften jenseits natürlicher Art!
Zacharias Flint, Oberst"
Vormittags kommt ein junges Mädchen zur Gardewache am Schloß von Britain und übergibt einen Brief auf recht gutem Pergament. Das Schriftstück ist nicht gesiegelt, aber sauber mit einem Tropfen Wachs verschlossen in der üblichen roten Farbe. "Von Meister Donato, dem Alchemisten!", erklärt die kleine fast ein wenig stolz, als sie das Schriftstück abgibt. Als der Wachhabende den Wachs bricht, kann er kurz später in einer etwas krakelig anmutenden Schrift aber ohne Fehler folgendes lesen:
"Geehrter Hauptmann der Stadtwache, oder wer auch immer sich einer ordentlichen Beschwerde annehmen will!
Das Schreiben fällt mir schwer und ich will euch auch genau schildern, warum es das tut: Ich war am gestrigen Abend damit beschäftigt, meinen Laden aufzuräumen und wollte gerade absperren, weil die Dunkelheit schon hereingebrochen war, da verlangte eine Person in den Farben der Garde Zutritt.Als braver Bürger gewährte ich diesen. Der Gardist sah sich in meinem Laden um und meinte, verschiedene Dinge in meiner Lagerhaltung bemängeln zu müssen. Dies und jenes sei nicht ordentlich verstaut, zu gefährlich oder verboten. Ich schwöre, ich verstehe mein Handwerk! Meinem Unverständnis wurde allerdings mit grober Gewalt begegnet, weswegen ich nun einen Tag mein Geschäft nicht führen kann und viele Kunden vor verschlossenen Türen stehen werden.
Die Handgreiflichkeiten dieses Gardisten, der nicht einmal so freundlich war, seinen Namen zu nennen, bescheren mir pekunäre Nachteile - von den Schmerzen in Bein und Arm und am Kopf will ich gar nicht sprechen. Ich möchte verlangen, daß dieser Gardist ermittelt und bestraft wird. Es kann doch nicht angehen, daß unbescholtene Bürger von der Garde schikaniert werden, während man direkt vor den Toren der Stadt schon gemeuchelt wird!
Dennoch verbleibe ich hoffend
Donato, ordentlicher Meister der Alchemie zu Britain"
Das würde den Leuten gar nicht schmecken. Aber Amayris hatte befohlen, also würde er ausführen. Zacharias räusperte sich, rückte seinen Brustpanzer zurecht, den er annähernd nie ablegte, wenn er im Dienst war, und griff nach Feder und Pergament, um die Tagesbefehle für den morgigen Tag ins große Dienstbuch einzutragen.
"Regelwachplan tritt wieder in Kraft. Alle Abteilungen wie zu Monatsbeginn befohlen einzusetzen. Sonderbefehle zu Hochzeitsablauf aufgehoben Sondervergünstigungen zu diesem Anlaß gestrichen"
Zacharias Flint, seines Zeichens Oberst aller Truppen des Dominiums grunzte kurz. Der Feiertagswache würde gar nicht schmecken, daß sie nun ihre Urlaubstage einbüßten. Glücklicherweise hatten sie einen davon heute schon genossen. Aber es kam ja noch besser:
"Ab sofort gelten die Richtlinien für den Marsch. Für das angesetzte Manöver sind folgende Einheiten..."
Ohja. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie er es geliebt hatte, wenn es solche Überraschungen gab, damals, als er noch einfacher Soldat war. Und alles, weil der Herrin der Mann desertiert war. Zacharias schüttelte seinen Kopf über diesen treulosen Kerl, an dem seine Herrin immer noch so sehr hing, wie er bei jeder Begegnung spüren konnte. Dann begann er, die Soldaten für das Manöver einzuteilen. Nicht nur die Reiter und die Hellebardiere würden daran teilnehmen, auch ein paar Schützenreihen der Wehrtagsreserve, die im Kriegsfall die Hauptmasse der Truppe stellen würden.
Nachdem er fertig war, rief er nach dem Lanzenführer vom Dienst, um seine Truppe auf die frohen Neuigkeiten, wie sie es früher immer sarkastisch genannt hatten, vorzubereiten.
Avist zog seinen Karren in die Gasse hinter den feinen Bürgerhäusern. Man hatte ihn gerufen, um einmal mehr dafür zu sorgen, daß die feines Nasen der hohen Herrschaften nicht zu arg beleidigt wurden. "Ja, du bist ein wichtiger Mann, Avist, ja, ja..." murmelte er kichernd bei sich selber, während er anhielt und die Schaufel vom Wagen mit den beiden großen Unratfässern nahm. "Du bist der, der Britain schön macht. Nicht die hohen Herrschaften..."
Als er sich wieder umdrehte und ins Halbdunkel des engen Durchganges schlurfte, der sich zwischen den beiden Häusern auftat, schnupperte er kurz angewidert. Da hatte bestimmt wieder jemand Schlachteabfall einfach hinters Haus gekippt. Da würde er ein paar Münzen mehr für verlangen. Dann jedoch stutzte er. Auf dem Unrat lag die Leiche eines Mannes. Und das wohl schon eine ganze Weile, dem Geruch nach zu urteilen. An der einen Hand, die Avist sehen konnte, war der Tote bis auf die Knochen abgenagt und eine besonders fette Ratte huschte eilig einigen kleineren hinterher, als er näher kam und sich über den Mann beugte.
Der Kopf fehlte ihm sogar ganz und er war schon übel zugerichtet worden, bevor die Ratten sich seiner angenommen hatten. "Verdammtes Gesindel. Übertreiben mit ihren Bandenkriegen auch immer mehr", brummte er. Seine Finger schlossen sich neugierig um einen goldenen Ring, den der Mann wohl verloren hatte, als sein Fleisch vom Finger schwand. Auch der prall gefüllte Geldbeutel wechselte den Besitzer. Avist wog ihn in der Hand.
"Und immer reicher werden sie auch, diese Verbrecher." Damit verschwand das Geld unter seinem Wams. Skeptisch blickte Avist sich um, dann wieder auf die Leiche. "Na, ich geb mal der Garde Bescheid. Sollen die dich hier wegbuddeln, ja, ja..." Mit diesem Entschluß trottete er zu seinem Karren zurück, warf die Schaufel zwischen die Fässer und schob ihn aus der Gasse.
"Hoher Herr, ich entbiete euch meinen Gruß Aladar Delorion. Ihr mögt euch wundern ob dieses Schreibens, pflegen wir doch derzeit keine Korrespondenz, liegen vielmehr ob unserer Eide verschiedenen Herrschern gegenüber sogar in offenem Krieg gegeneinander. Umso mehr komme ich nicht umhin eure Großmut zu würdigen und möchte euch darob meinen Dank aussprechen. Andere an eurer Stelle hätten es nie geduldet, daß ein namothischer Edler der glorreichen Garde der Stadt Britain angehört. Nicht so ihr, der ihr über solche Kleinlichkeiten hinwegseht. Ich möchte euch ausdrücklich versichern, daß Magus Yadran Toranas stets angenehm aufgefallen ist und ich ihn auch jederzeit wieder bei mir aufnehmen würde. Sein Eifer mir zu gefallen war außerordentlich und ebenso seine Verdienste um die Ordnung in namothischen Landen.
mit ritterlichem Gruß
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominiums Landsend, Burgsassin auf Landsend ob Namoths Küste"
Und trotz allem, was sie tat, konnte sie ihn nicht aus dem Herzen bannen...
Ketten und Kaianlagen
Der Blick der Burgherrin lag mit Trauer umflort auf der Person, die mit ihr im von einer Fackel und dem Glosen einer tragbaren Esse nur spärlich erleuchtetem Halbdunkel stand. Außer Niowe und Amayris war noch ein Sterblicher im Raum, ein Schmied, der gerade damit beschäftigt war, die Bolzen für die Vielzahl an Ketten in der Kohle vorzubereiten, um sie später im glühendem Zustand zu vernieten. Der Mann wunderte sich gewiß ob dieses seltsamen Auftrages, denn so viele Ketten und vor allem Ketten in dieser Stärke waren eigentlich unnötig für nur eine Gefangene, die noch dazu nicht sonderlich stark wirkte. Amayris würde seine Erinnerung nach getaner Arbeit verändern müssen. Aber das war nicht der Hauptgedanke, der sich in ihrem Geist regte.
Wieder fiel der Blick der Vampirin in das Gesicht ihrer Schwester im Blute. Bleich war diese und nahm stoisch hin, was um sie herum geschah. Amayris konnte nur ahnen, was in ihr vorging. Es brauchte schon viel, um so ein freiheitsliebendes Geschöpf, was sich keinerlei Beschränkungen auferlegen lassen wollte in eines zu verwandeln, was sich tief unter den Klippen der Festung freiwillig in zentnerschwere Eisenfesseln legen ließ. Niowe hatte einen bitteren Schwur eingelöst, den Amayris ihr abgefordert hatte, als sie zum ersten Mal vom Ende ihrer Existenz sprach. Um Niowe brach eine Welt zusammen und sie hegte sich nach all den Verlusten mit Selbstmordgedanken. Etwas, daß sie nicht zulassen wollte.
Die Hoffnung starb zuletzt und noch hatte Niowe trotz allen Schmerzes in manchen Augenblicken Hoffnung, so sagte sie. Und deswegen wollte sie sich von unüberlegten Taten abhalten lassen. Immer am Rande des Hungers und von schweren Fesseln gehalten in ewiger Finsternis. Bedauern lastete schwer auf ihrem Gemüt, bedauern, daß Laveniya es geschafft hatte, Niowe so weit zu treiben. Dennoch gab Amayris dem Schmied einen Wink und der Mann begann dienstbeflissen mit seiner Arbeit. Kette um Kette wurde um den Leib der alten Vampirin gelegt und vernietet...
Dumpf pochten die schweren Hufe des braunen Wallachs auf dem Bohlweg, der vom Meer her die Hauptstraße des Ortes entlangführte. Als Zacharias sein Roß am Wachhaus vorbei auf den Hof der Kaserne lenkte, fiel ihm sofort die junge Frau auf, die dort offenbar den Übungsbetrieb störte, indem sie den Ausbilder ablenkte. Serafine wurde gewahr, daß hinter ihr irgendetwas sein mußte, als ihr Gesprächspartner sich merklich versteifte und Haltung annahm. Ein tiefes Brummen ertönte hinter ihrem Rücken: "Korporal, was hast du mit der Frau hier zu schaffen?" Der Soldat faßte kurz zusammen, daß sich Serafine zur Truppe melden wolle und der Oberst nickte wohlwollend. Schwerfällig stemmte der Gepanzerte sich aus dem Sattel und saß ab. Die Zügel wurden einem der Soldaten zugeworfen und Serafine kurz mit den Augen gemessen. "Du willst dich also in die Armee begeben. Nun, dann wollen wir doch einmal sehen, ob die Armee dich will. Mitkommen!" Ein Wink der groben Hand hin zum Gebäude der Kommandantur untermalte den ersten Befehl, den die Rekrutin in Landsend empfangen würde.
Laveniya: Es brach mir das Herz sie so zu sehen, in der ewigen Dunkelheit unter Tage, in den unzähligen Ketten die ihren schönen Körper gefesselt hielten, von ihrem "Tier" beherrscht und ich glaube zum ersten Mal wurde mir gewahr, was ich wirlich getan hatte, alle meine Taten zogen an mir vorüber, sprangen vor meinem geistigen Auge umher und fast würde ich sagen, sie hatten etwas spöttisches an sich, wie sie sich so zeigten. Es erfüllt mich mit Scham, mit Reue und mit Verzweiflung, wenn ich daran zurückdenke, wie schwach ich doch war. Wie konnte ich das zulassen, wie konnte ich alles so hinter dieser eisigen Mauer vergraben, wie konnte ich mich so vergraben? Die Ketten an die ich mich selbst band, ich fühle sie noch, an meinen Knöcheln, etwas dort unten, tief in mir, zerrt daran, zerrt mich zurück, zurück hinter die Mauer, die ich selbst schuf. Leises Flüstern summt in meinem Kopf, unaufhörlich, es ruft mich, verlangt nach mir, Versprechungen von Ruhe und Schmerzlosigkeit kann ich heraushören. Es ist so verlockend, dieses Angebot, ich würde gerne die Augen schließen und mich fallen lassen, die Kette würde mich zurückbringen, hinter die Mauer, zurück in diese himmlische Ruhe. Vielleicht würde nie mehr etwas hindurchdringen.
Nun, nachdem Laveniya Niowe zum letzten Mal in den Katakomben unter der Festung Landsend ob Eisenküst aufgesucht hatte und die beiden in Einvernehmen aus dem dunklem Tal getreten waren, in das sie hineingefallen waren, war in Amayris wieder mehr Ruhe eingekehrt. Sie konnte noch dazu sogar recht zufrieden sein mit dem, was vor ihren Augen geschah. Lady Fenya und die Bürger Landsends setzten viel Elan in den Bau des neuen Hafens. Zufrieden lächelnd beobachtete sie vom Wald aus die in der Nacht ruhende Baustelle. Jeden Abend kam sie hierher und sah jedesmal einen weiteren kleinen Fortschritt, der ihr Herz erfreute. Irgendwann würde der Hafen fertig sein. Schon jetzt konnte man deutlich erkennen, wo der große Kai in das Meer hineinschneiden würde und wo die Wellenbrecher und Molen ihren Platz finden würden. Auch hatte es in der letzten Zeit einige Neumeldungen gegeben für die Truppen unter Oberst Flint. Und die Minen warfen gute Erträge ab, wie ihr Meister Ikomarius und die Schmiedin Perena bestätigten. Eigentlich hätte sie sehr zufrieden sein können. Aber in diesen Nächten, wenn sie im Wald am Hang über dem Ort stand und über die ruhig daliegenden Häuser ihrer Untertanen blickte und über das weite Meer, über das Landsends Erzeugnisse bis weithin geschifft wurden, da überfiel sie die Einsamkeit. Die letzten Wochen hatten sie einiger persönlicher Freunde beraubt. Und nun, wo Niowe und Laveniya viel mit sich beschäftigt waren, um wieder zu sich zu finden, hatte sie einmal mehr nur Untergebene um sich. Sie schätzte die Gesellschaft ihres Foraghs Zacharias Flint sehr, aber ihm konnte sie sich nicht völlig frei anvertrauen. Er war ein guter Ratgeber, was militärische Belange anging, und hatte auch eine nicht zu unterschätzende Lebenserfahrung. Aber ebenso erwartete er von ihr Führung und Entscheidung, was eine unbeschwerte Aussprache erschwerte. Und selbst die freiheitliche Anonymität der lauten, lärmenden, stinkenden und doch aufregenden Buhle war ihr inzwischen verwehrt. Man hatte sie in Britain einmal enttarnt und würde es wieder tun. Außerdem waren da noch Ahmed und Yadran, die sich gegen sie gewandt hatten - und sie wußte nicht, was daraus erwachsen würde. Und in jeder Nacht, an der ihre Gedanken bis zu diesem Punkt gelangt waren wurde ihr Herz schwer. Es war gut, daß es schon seit langem stand, sonst wäre es vielleicht unter dem eigenem Gewicht zerdrückt worden. Das Leiden jedoch pflanzte sich auch in totem Fleisch unbarmherzig ein. Wo der körperliche Schmerz immer mehr zur faden Erinnerung wurde, stach der an der Seele weiter hervor.
Freud und Leid
Es war wie ein Sog. Zwar war Britain eines der gefährlichsten Pflaster für die Herrin der Eisenküste, aber Amayris konnte nicht umhin, doch immer wieder den Nervenkitzel zu suchen, der sich ihr dort bot. In der königlichen Stadt war sie frei, ungebunden, solange sie nicht erkannt würde. Britain bot ihr die Möglichkeit, ja, zwang sie geradezu, sich incognito zu halten. Und es bot eine Vielzahl von Menschen, die sich als Nahrung eigneten und die dennoch Herausforderungen boten. Ihre Passion zur waidlichen Pirsch wurde um die auf menschliche Beute erweitert. Die Waffen waren andere, aber der Kitzel und der Triumph dieselbe.
Letztlich hatte sie sich oft mit einem jungem Burschen getroffen, einem angehendem Magier. Eher durch Zufall war er ihr aufgefallen in einer der Tavernen in der Nähe des Marktes. Beim ersten Mal hatte sie viel Ehrgeiz hinein gelegt, sich nicht entdecken zu lassen, war das Mysterium geblieben und hatte ihre Kurzweil daraus gezogen, sich sogar zu niederen Tätigkeiten herablassen zu können. Er bedeutete ihr nichts, aber er war interessant und angenehm als Gesellschaft gewesen. Außerdem kostete sein Blut sich süß, jung und verlockend. So war es noch zu einem zweiten, ebenso unbedeutendem Treffen gekommen.
Sicherlich hatte er versucht, ihr eine Scharade vorzuspielen, wie sie es tat. Sie kannte zwar seinen Namen, aber kaum mehr. Es war ein seichtes Spiel mit verdeckten Karten, getrieben vom Kitzel der drohenden Entdeckung in ihrem Fall. Sicherlich war er auch geistesschärfer als er vorgab zu sein, das hatte die Vampirin erkennen können. Und dennoch war sie einigermaßen überrascht, ihn in dem Eindringling wieder zu erkennen, der es einige Zeit später gewagt hatte, die steilen Mauern ihrer Festung an der Eisenküste nachts zu überklettern, und dabei von ihr persönlich gestellt wurde.
Das Scheinverhör hatte sie rasch beendet. Der Eindruck blieb, daß er wieder mehr erkannt hatte, als er vorgab. Nun, wo er seiner Strafe auf mysteriöse Weise entflohen war, die sie ob des Einbruches über ihn verhängt hatte, war es vielleicht angeraten, sich einige Zeit nicht mehr in der Feindesstadt zu zeigen. Das anstehende Frühlingsfest half ihr über diese Entscheidung vorerst hinweg.
Landsend, die kleine Stadt an der Eisenküste in Namoth und Hauptort von Lady Amayris Ländereien hatte sich herausgeputzt. Das Frühjahrsfest stand an mit Markt, der großen Metallauktion und Warenschau. Für das Waffenvolk waren Wettkämpfe angesetzt und jeder sollte satt und zufrieden werden.
Betriebsam waren die Tage gewesen. Schwere Lastkarren waren nun, wo die Straßen nach der Schneeschmelze allmählich wieder fahrbar wurden, aus den Bergen herabgerollt und hatten tausende Barren herangeschafft, die nun unter Bewachung am Markt lagerten. Die Bäcker und Wirte bereiteten sich auf den großen Besucherstrom vor und von vorne, wo vor dem Ort die Tribünen und Schranken für das große Turnier aufgebaut wurden, hatte man das Schlagen von Hämmern und Ratschen von Sägen hören können.
Noch nutzte manch ein Bewohner die Dienste der angereisten Feldschere, bevor diese in den nächsten Tagen ihre Kunden unter den Turnierteilnehmern finden würden. Oder aber man probierte schon einmal dieses oder jenes, damit es beim Fest auch wirklich gut sei. Manch gewitzter Handelsreisende war auch schon früher angereist, um sich gute Standplätze oder ebsondere Posten zu sichern, und so bot sich in der Taverne "Klingender Amboß" auch immer ein gutes Gesprächsthema.
Insgesamt war man recht gespannt auf all das fremde Volk und die Freude, die den Ort ergriffen hatte, war nahezu stofflich greifbar. Das lange Ausharren des Winters hatte ein Ende!
Kampf um Cove
Kaum war sie aus dem Dorf in ihrer Schreibstube auf der Burg angekommen, griff die Vampirin bereits nach einem sauberem Pergament. Auf eine Kerze verzichtete sie vollends. Zu aufgewühlt war sie nach der Begegnung mit dem Emissär General Kolons und wer den Raum in diesem Augenblick beträten hätte, sähe dort die Herrin von Landsend sitzen im schwachem Schein des Mondes durch das Fenster. Leise kratzte die Feder auf dem Pergament.
"Geehrte Mitglieder des Schattenrates,
meines Lehnsherren, ich entbiete euch meinen Gruß und möchte meine Besorgnis mitteilen ob von mir nicht einzuordnender Ereignisse auf meinem Land. Folgendes möchte ich ausführen: Emissäre eines Söldnergenerals kamen zu mir mit der Bitte um Quartierung einer größeren Truppe Mietlinge. Sie gaben vor, im Auftrag oder zumindest im Einvernehmen mit dem Reich zu handeln, doch schien mir das Gebaren bislang eher zweifelhafter Natur zu sein. Daher ergeht an euch nun die Frage, ob dem Rat bekannt ist, daß sich ein Soldheer sammelt. Sollte dies rechtens sein, bitte ich um Bestätigung. Bis auf neue Nachricht werde ich weiter mit dem Aufgebot kooperieren und die geforderte Verproviantierung gegen Entgeld vornehmen. Nebenher suche ich weitere Informationen von den Anführern der Einheit zu erlangen. Mein Rat indes, sollte dies nicht dem Gedankengut der Reichsführung entspringen, ist, auf der Hut und bereit zu sein, jedoch vorerst noch nicht zu intervenieren. Sollte sich die Lage grundsätzlich ändern, werde ich ein weiteres Schreiben senden.
in ergebener Treue
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest, Herrin über das Dominium Landsend, Custodin der Eisenküste, Burgsassin auf Festung Landsend, Ritterin des Reiches"
Noch einmal las sie das Schreiben durch, das Blatt dabei ein wenig zum Fenster wendend, daß die fahlen und schwachen Strahlen des Mondes über das Pergament fallen konnten. Ein wenig mißmutig faltete sie das Schreiben dann zusammen und siegelte es mit dem Ring an ihrem Finger. Was würde die Zukunft wohl bringen? In der Luft lag seit heute der schwere, blutige Geruch eines heraufdämmernden Krieges. Sie hoffte inständig, daß nicht Landsend das Opfer der Kämpfe sein mochte. Unerwartet müde und schwerfällig erhob sie sich dann, um Niowe den Brief mitzugeben. Es war die Zeit der Pflicht...
Die Botin hatte sich in Düsterhafen einquartiert und wurde noch in der selben Nacht von einem Lakeien der Magierschaft aufgesucht, um eine Antwort an die Herrin von Landsend auszuhändigen, nicht ohne dabei auf die Dringlichkeit und Geheimhaltung hinzuweisen, welche diesem Schreiben auferlegt war.
Hinter dem reich verziehrten und magisch pulsierendem Siegel der Magierschaft verbarg sich feines Papier, auf dem jemand mit ordentlicher, geübter Handschrift einen Text in dunkelblauer Tinte verfasst hatte.
Gegeben in vierten Jahr des glorreichen Bundes Zu Händen der Herrin über Landsend, Ritterin des Reiches Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest
Der Segen der Drei und das Wohlwollen des Rates sei mit Ihr.
Ritterin Amayris von Landsend
Eure Informationen wurden beraten und diskutiert. Wisset das der Schattenbund keinerlei Soldheer Duldung auf seinem Grund und Boden erteilt hat! Einzig eine Person namens "Kolon" bot seine "beachtlichen" Truppen an, dem Lichte eine Niederlage beizubringen, doch war dies eher Grund für Gelächter, da eine Einzelperson sich kaum Truppen leisten kann, die den Rahmen "Beachtlich" erreichen.
Dennoch, Wir wissen um die Schlangen und Huren im Felde, und daher ergeht durch Uns an Euch diese Weisung des Rates:
Ihr werdet weiterhin wie unbefangen mit dem Soldheer Handel treiben. Wir empfehlen einen guten Aufschlag zu nehmen, der Gewinn mag Namoth und damit auch Landsend zu Gute kommen. Ihr werdet gleichsam nach weiteren Informationen suchen, und die Bewegungen des Soldheeres in der Mark Landsend genau beobachten und Uns Eure Erkenntnisse zeitnah zukommen lassen. Einen bewährten Boten habt Ihr ja, so dies Schreiben Eure Hand sicher erreichte. Bereitet Euch darauf vor, auf Befehl des Rates eine Nahrungslieferung an das Soldheer zu vergiften. Sollte dieser Schritt notwendig werden, wird man Euch näher instruieren.
Bis dahin verbleiben Wir wohlwollend
für den Schattenrat
Mourn Quevain
Hochmagier der Schule der einzig Wahren Kunst zu Daltaria Erzmagier von Glatherra Träger des Auges von She'Tal Hüter der verbotenen Namen Wahrer der geheimen Pforten
Das er dabei die Angebote und Aussagen der Herrin von Landsend in Befehle des Schattenrates umdrehte, schien der Magier durchaus absichtlich in Kauf genommen zu haben. Immerhin war sie ja doch nur eine Kriegerin.
Mißmutig ließ sie das Schreiben sinken, als sie es fertig gelesen hatte. Im großen und Ganzen hatte man ihrem Rat Gehör geschenkt. Noch einmal las sie die Absätze sorgfältig durch, dann übergab sie das Papier der Flamme einer Kerze, die sie an diesem Abend tatsächlich anzuzünden gedacht hatte, falls man sie überraschen sollte. Langsam drehte sie das Schreiben hin und her, bis es ein vollständiger Raub der Flammen geworden war. "Niowe, diese Botengänge hast du wohl nie erledigt. Aber immerhin weiß ich, was zu tun ist...", murmelte sie leise, gerade so laut, daß die Gestalt, die mit ihr im Raum war es hören konnte.
Vergiften. Das war selbst für Söldner keine anständige Lösung. Diese Magier hatten seltsame Vorstellung von der Führung eines Krieges. Ganz abgesehen von den Möglichkeiten, eine dermaßen große Menge Gift zu bekommen. Um hunderte Kämpfer mit vergifteter Nahrung zu versorgen war sicherlich einiges notwendig... Langsam stand sie auf und wandte sich um. Vielleicht war das eine Idee. Tötliches Gift genug verdünnt würde ihr vielleicht die Möglichkeit geben, aus dieser Misere zu kommen.
Einigermaßen befreit lächelte sie Niowe an. Dann bedeutete sie ihr, den Raum doch vor ihr zu verlassen. "Ich denke, das wäre vorerst erledigt. Ich habe aber noch einen besonderen Gast, dem ich meine Aufmerksamkeit widmen muß. Wenn du nicht magst, mußt du nicht dabei sein." Sie dachte an die Meldung, die der Torwächter ihr gemacht hatte ob des rüpelhaften Fremden, der in einer festen Kammer saß. Er habe einen von Amayris Streitern beleidigt und dann angegriffen. Die Beschreibung paßte auf den Piratenkomandanten. Damit versprach die Begegnung recht interessant zu werden...
"Ich werde mich in die Stadt durchschlagen. Solange habt ihr das Kommando, Lady Fenya. Sucht einen Lagerplatz hier im Wald, aber seid wachsam. Ich weiß nicht, ob ich am morgigen Tage schon zurück sein werde." Mit diesen Worten hatte sich die Herrin von Landsend nach dem Rückzug aus der Schlacht von ihrer Vogtin verabschiedet. Der Angriff war waghalsig gewesen, zumal das Schlachtfeld nur von Feuer und Mond erhellt war, aber er hatte nicht über die Maßen gekostet und den Belagerten etwas Entlastung gebracht.
Als sie weit genug von ihren Leuten entfernt war, kauerte sie sich im Schatten eines Busches zusammen und griff in die Fäden des Blutes, die ihren Körper über den Tod hinweg zusammenhielten. Den Belagerungsring würde sie in nichtmenschlicher Gestalt besser umgehen können. Knirschend preßten ihre Kiefer die Zähne aufeinander, als sich Fleisch und Knochen zu verformen begannen. Einige Augenblicke verharrte die kleine Gestalt nach Abschluß der Wandlung noch am Boden, sich ihrer selbst bewußt werdend, dann breitete sie ledrige Schwingen aus und stieß sich flatternd in die Luft.
Die Ohren der Fledermaus machten das Gewimmel der Belagerer unter sich aus. Jedes Wort drang klar an sie heran, während sie hoch über den Köpfen der Söldner gen Cove flatterte. Und der Geist der Vampirin fragte sich, wie es soweit hatte kommen können. Noch vor einigen Tagen sah es gut aus. Sie hatte das Gift aus Düsterhafen unter den Proviant mischen lassen, zwar in kleinerer Dosis, weil sie der Ansicht war, daß Giftmord nicht zum Krieg gehörte, aber zumindest hätten die Marodeure geschwächt sein müssen. War die Dosis zu klein gewesen? Sie hatte keine Erfahrung damit, aber konnte es sich kaum vorstellen.
Aber fest stand nichts. Nur, daß Landsend an diesem Haufen dort unten bislang gut verdient hatte. Die Versorgung des Söldneraufgebotes hatte gutes Gold in die Schatulle gespült. Und die Plünderungen hatten auch erst begonnen, als die Marodeure die Grenze zur Mark Cove überschritten hatten. Wären die Piraten ebenso verläßlich gewesen mit ihren Zusagen, dann hätte es das Spektakel da unten nie geben müssen. Sie war sehr gespannt, ob dieses Zeichen noch auftauchen würde. Wenn nicht, würde der Kampf um Cove unangenehmer werden als geplant. Aber Kolon machte sich etwas vor. Bald würde Oberst Flint mit den Fußtruppen aus Landsend nachrücken. Zusammen mit den regulären Regimentern des Reiches würde man diesen Mob leicht auflösen können.
Über der Stadtmauer verlor die Fledermaus zügig an Höhe und ging in einer stillen Gasse nieder, um wieder ihre eigene Form anzunehmen. Vorsichtig warf sie einen Blick auf die Hauptstraße der belagerten Stadt, bevor sie sich auf den Weg zum Kommandanten der verteidiger machte. Irgendwie waren weniger Truppen vor Ort, als sie vermutet hatte. Was war hier los? Hatte Kolons Schlenker dazu gedient, einer Schlacht aus dem Weg zu gehen? Dann würde Flint wohl zusammen mit den Regulären eintreffen. Umso besser!
Zügig setzte sie ihren Weg fort. "Heda, Soldat! Führ mich zum Kommandanten!", forderte sie einen Mann in den Farben Namoths herrisch auf, darauf vertrauend, daß die grüne Schlange auf Schwarz inzwischen ein Begriff war im Reiche.
Cove, erster Tag der Belagerung. Auf Befehl des Generals hatten die Angreifer begonnen, sich auf eine längere Belagerung einzurichten. Zwei Söldner waren mit dem Ausheben eines Laufganges beschäftigt und schimpften dabei vor sich hin. "Mistplackerei das... und wir haben nicht einmal etwas zu beißen vernünftig." - "Ja, genau. Dieses Gerümpel da hinten mußten wir mitschleppen, aber das Fressen haben sie verbrannt. Schöner Krieg das. Nur Dreck zwischen den Zähnen!" Mit knurrendem Magen machten sie weiter. Aber mit dem Wall wuchs auch ihr Unmut stetig.
In langen Reihen marschierte das Aufgebot Landsends auf der Küstenstraße entlang gen Cove. Es hatte eine Weile gedauert, das Reserveschützenregiment einzuberufen und zu sammeln, doch nun versuchte man, die verlorene Zeit wieder wett zu machen. Längst nicht alle, die sich dort unter dem im Seewind flatterndem grünem Banner gesammelt hatten, trugen auch ordentliche grüne Wappenröcke. Indes umfaßte eines jeden Hand einen schweren Bogen oder eine Axt. Es geschah selten, daß die Landsender Jäger in dieser Stärke einberufen wurden und man konnte so manchem ansehen, daß er darauf brannte, jemanden ordentlich zu vertrimmen.
An der Spitze des Zuges, direkt hinter einer vorrausmarschierenden Abteilung regulärer Hellebardiere, ritt ein stämmiger Krieger in Plattenrüstung. Der Blick des Offiziers war grimmig nach vorne gerichtet. In der letzten Nacht hatte er die Stimme seiner Herrin gehört. Sie hatte ihrem Foragh mittels ihrer dunklen Gaben mitgeteilt, was sie von ihm erwartete: Er sollte ihre Truppen so zügig wie möglich nach Cove führen, da die Stadt belagert würde inzwischen. Außerdem war es an ihm, unterwegs die ausgerückte Garnision aufzuspüren, um sich mit ihr zu einem Entsatzheer zu vereinen.
Es stand wirklich zu hoffen, daß das so gelänge. Seine Truppe war zwar recht anehnlich, bestand aber zum Hauptteil aus leichtbewaffneten Bogenschützen, eher für einen langwierigen Kampf im Wald ausgerüstet oder für einen tötlichen Pfeilhagel denn für ein direktes Treffen auf offenem Feld. Vor Cove würde er mehr Deckung durch Infanterie benötigen...
Zacharias wurde allmählich ungeduldig. Sein Heerzug näherte sich immer weiter Cove und die ausgeschickten Späher hatten noch keine Spur von den Reichstruppen gefunden. Wenn sie nicht bald auf sie träfen, würde er mit den Landsender Jägern allein in die Schlacht ziehen müssen.
In diesem Augenblick preschte von vorne eine Reiterin heran. Leutnantin Esme Gaffronshofer war es, die die Späher befehligte. Ob sie Neuigkeiten hatte? Die junge Frau schien einigermaßen aufgeregt zu sein und deutete schon bevor sie ankam in eine bestimmte Richtung, irgendwo vor dem marschierendem Heer aus Landsend.
"Oberst! Oberst! Dort vorne sind sie, nur wenige Meilen vorraus. Mindestens ein Regiment!", rief sie, während sie ihr Pferd zügelte. Dann setzte sie verschwörerisch leise hinzu, so, daß es nur der alte Kämpe hören konnte. "Lady Amayris hatte also recht mit ihrer Vermutung!" Zacharias Flint, seines Zeichens Heerführer im Dienste der Amayris von Zackbergen und Schlangenfest nickte grimmig. Die Truppen Namoths hatten also tatsächlich die Marodeure verfehlt beim Versuch, sie noch vor Cove abzufangen. Blieb zu hoffen, daß die Kriegsgötter in näherer Zukunft mehr Gnade hatten mit den Streitern des Reiches.
"Hauptmann, weitermarschieren lassen.", wandte er sich kurz an den Mann, der neben ihm ritt, dann setzte er noch ein paar Befehle hinzu. "Leutnant, Fahnenträger... mitkommen. Ich muß mit meinem Kameraden da vorne reden. Hoffen wir, daß er meiner Meinung ist..." Ja. Das war zu hoffen. Zacharias konnte ja schlecht offenbaren, daß er durch die Kräfte einer Vampirin genau wußte, daß Cove inzwischen belagert wurde.
Man würde sehen. Zügig trabte der kleine Reitertrupp auf das Lager von Oberst Jorge zu, über den Köpfen deutlich das grünschwarze Banner der Eisenküste wehend.
Von den Zinnen Coves aus ließ sie ihren Blick über die Angreifer schweifen. Ihre untoten Augen enthüllten ihr im Schein der zahllosen brennenden Feuer, die eine Belagerung mit sich brachte, so einiges. Jetzt, im Schutze der Dunkelheit, versuchten die Belagerer ihre Vorräte ins Lager zu schmuggeln. Tagsüber machten die schweren Kanonen Coves das zu einem heiklen Unterfangen.
Es war ärgerlich, daß es in der Stadt keinen Befehliger zu geben schien, der Erfahrung mit dem Führen einer belagerten Stadt hatte. Der Bürgermeister schien einigermaßen überlastet zu sein mit der ihm gestellten Aufgabe. Allerdings hatte er ihre Ratschläge angehört und auch die verbleibenden Truppen der Garnision waren diszipliniert und gut ausgebildet. Cove würde sich einige Zeit halten können. Es würde genügen müssen, bis der Entsatz eintraf.
Sie konnte derweil nicht viel mehr tun, als des nächtens die Lage bewerten und vorschlagen, wie man die Verteidigung verbessern könnte. Des Tags über war sie ja "bei den eigenen Truppen draußen", so, wie sie für jene tagsüber in der Stadt ausharrte. Allmählich wuchs in ihr die Sorge, daß ihre hohe Beweglichkeit zwischen den Linien irgendwann auffallen würde. Aber sie baute auf das allgemeine Chaos der Belagerung.
Es war wieder an der Zeit. Sie löste sich von ihrem Spähposten und wandte sich an den Wachoffizier auf der Bastion. "Da hinten am Strand geht wieder etwas vor. Setzt doch einmal ein paar Schüsse in die Richtung ab, um das Pack etwas aufzuscheuchen..." Während die Soldaten ihr Geschütz bereit machten, suchte sie eine Stille Ecke, um ihren Ausflug vorzubereiten. Außerdem war es an der Zeit, daß ein oder zwei der Belagerer sterben würden durch ihre Hand. In ihr meldete sich allmählich die Bestie und schrie nach Nahrung...
Dunkelheit hatte sich erneut über Cove gelegt. In den Gräben vor der belagerten Stadt harrten die Belagerer aus. Nebel war vom Meer heraufgezogen und hatte die Szenerie in fahle Tücher gewoben. In den Schwaden erstickten viele Geräusche zu einem dumpfen Murmeln und die Flammen der Fackeln und Lagerfeuer fanden ihren gespenstischen Widerschein, färbten die Nebelbänke um sich in orangenem Feuer. In den Gräben sammelte sich klamme Feuchtigkeit und kroch den Söldnern General Kolons in die Knochen.
Zwei von diesen stapften auf ihrem Wachgang durch den Belagerungsring. Leise knarrten die klammen Lederharnische. Unter den schweren Stiefeln schmatzte die feuchte Erde leise. Längst schon war das Gras unter hunderten Füßen gewichen. "V'dammt, Vitus... sin' wir 'berhaupt noch auf Kurs? Müß' doch längs' das Mistding auf'taucht sein..." Das "Mistding" war in diesem Fall eine der Wurfmaschinen, die derzeit unter vollem Eifer gebaut wurden. Zur Pflicht der beiden gehörte, die Wache dort zu kontrollieren.
Ein leises Scheppern ertönte. Fast fiel eine Glefe in den Schmutz. "V'dammt, Vitus! Paß doch auf. Was häls'u pl..." Ein Knuff seines Vordermannes ließ ihn mit einem Ächzen verstummen. Der Nebel hatte ihr Ziel enthüllt: Das fast fertige Katapult ließ sich als Schemen ausmachen - und davor eine Gestalt, die sich gerade von einem leblosem Bündel am Boden aufrichtete. Im Schein des Wachfeuers leuchtete rotbraunes Haar auf. Eisenplatten blinkten matt und aus einem blutverschmierten Gesicht starrten eisblaue Augen die Neuankömmlinge etwas erschrocken an.
"Halt da! Sonst setzt..." Weiter kam Vitus nicht. Sein Kumpan mußte mit ansehen, wie sich die Frau mit einem bösartigem Fauchen auf seinen Vordermann warf. Sie bewegte sich in ihrem leichten Harnisch unnatürlich leichtfüßig und war binnen eines Herzschlages heran. Ein häßliches Knacken ertönte, als die bloße Hand den Schädel von Vitus seitlich traf. Der Kopf schwang in einem unnatürlichem Winkel zur Seite. Die Fackel fiel zu Boden und erlosch flackernd, aber noch bevor ihr Träger mit gebrochenem Genick zusammengesunken war, sah sich der Mann mit der Glefe dem Monster gegenüber.
Hastig senkt er seine Waffe, um etwas zwischen sich und die unnatürliche Gegnerin zu bringen. Panisch hefteten sich seine Blicke an den Fängen eines Raubtiers fest, die sich zwischen den blutigroten Lippen zeigten. Mühsam nahm er seinen Mut zusamen und stieß mit der Spitze seiner Glefe nach dem Hals des Ungeheuers. Doch dort, wo sie eindringen sollte, war plötzlich kein Fleisch mehr. Mit einem Ruck wurde der Schaft der Stangenwaffe zur Seite gerissen, als klingend ein Schwert seitlich gegen ihn prallte. Der Söldner am anderen Ende geriet ins stolpern, doch fiel auch er nicht. An seinem Wams gepackt sah er sich plötzlich dem Gesicht seiner Gegnerin dicht gegenüber. Sie sah gar nicht einmal so schlecht aus. Wenn nur nicht all das Blut wäre! Dann senkten sich scharfe Zähne in seine Kehle...
Wenig später fand man, von gedämpftem Lärm aufgeschreckt, drei übel zugerichtete Männer, die als Wachen eingeteilt gewesen waren. Die mit zahlreichen Schwerthieben nahezu zerstückelten Körper lagen direkt neben den Einzelteilen einer schwer ramponierten Konstruktion, die nun nur noch mit viel zusätzlicher Arbeit ein Katapult würde werden können.
Es war Abend in Landsend. Die letzten Strahlen der Sonne erhellten gerade noch den Rand des Himmels im Westen, doch war das Feuer dort auch schon längst erloschen und machte kühlem Blau Platz. Wie ein Ungeheuer bereit zum Sprung hoben sich die schweren Festungsbauten der Burg Landsend über der Steilküste schwarz gegen den Himmel ab.
Sieglind machte ihre abendliche Runde durch die Gemächer der Herrin. Das Mädchen hielt an der Gewohnheit fest, auch wenn sie davon ausging, daß Lady Amayris auch in dieser Nacht nicht heimkehren würde. Sie war im Krieg. Aber immerhin konnte sie die Schießblenden in den Gemächern kontrollieren und nach dem Lüften wieder schließen, den Blumen, die vereinzelt an helleren Orten des düsteren Baus standen, etwas Wasser geben und schauen, ob etwas anderes Wichtiges anlag.
Einige Zeit später hielt die Blutgebundene ein Stück Pergament in Händen. Sie verstand nicht viel vom Inhalt, aber es roch nach Wichtigkeit. Was sollte das heißen? Hornstöße und Schlachten... und ein Schiff habe das Schreiben gebracht, hatte der Soldat gesagt. Das mußte etwas bedeuten... es hing sicher mit dem Krieg zusammen, der gerade war.
Unschlüssig starrte sie auf die ihr unverständlichen Zeilen und ein Gefühl großer Unsicherheit beschlich sie. Was sollte sie tun?
Die Abendkühle drang nur sehr langsam in die Kasematten des Festungsringes um Cove. Dennoch war es recht frisch in dem düsteren Gewölbe unter der Bastion, welches als provisorisches Quartier für Lady Amayris diente. Sie hatte sich dieses etwas rustikale Gemach ausbedungen, um nahe am Lagebesprechungsraum zu sein, einem anderen Gewölbe, nicht fern von hier. Momentan saß sie auf einem Feldstuhl, der zusammen mit einem wackeligem Tisch, einem Waffenständer und einem Feldbett das stillgelegte Pulvermagazin in ihre Unterkunft verwandelte. Die schwere Tür stand offen und trug den Lärm des Kampfes bis zu ihr hin. Immer wieder trug das Donnern der mächtigen Geschütze über ihrem Haupt durch das Festungswerk. Das kein Staub vond er Decke rieselte war nur der Feuchtigkeit zu verdanken, die beständig durch die Wände drückte und der Grund war, daß der Raum überhaupt leer stand.
Die Kerze auf dem Tischchen blakte, als wieder ein leichtes Zittern durch das Fundament ging. Doch der Treffer der Gegner schien die Gerüstete nicht weiter zu kümmern, ja, sie schien ihn nicht einmal wahrgenommen zu haben. Wie in Trance starrte sie vor sich hin. Schließlich erwachte sie und schüttelte ärgelrich den Kopf. Sie hatte gesehen, aber der Inhalt der Nachricht entlockte ihr nur ein mißbilligendes Schnauben. Die Ratten verließen das sinkende Schiff. Amayris unzuverlässigen Bündnispartner schienen die Felle davonschwimmen zu sehen, die sie durch ihren Verrat zu erbeuten gehofft hatten. Und da mochte der nicht wirklich anonyme Schreiber noch so von Hornschall und Siegesstern reden - seine Botschaft hatte in ihr vor allem eines geweckt: Das Bewußtsein, daß Cove nicht fallen würde. Oberst Flint war mit seinen Truppen an der Seite der Regimenter des Reiches unterwegs hierher und nicht mehr fern. Nun galt es die Mauern Coves noch ausreichend lange zu halten. Und was das anging, war sie von einiger Zuversicht gezeichnet...
Ein selbstgefälliges Lächeln umspielte die Lippen der Vampirin. Was für ein Glück, daß der Pirat davon ausgegangen war, sie weile in Landsend. Das ließ ihr alle Optionen offen. Sollte sie die Hilfe der Piraten dennoch brauchen, diese Stadt zu halten, dann würde sie sich an das Gefasel am Rande des Schlachtfeldes erinnern, damals, als der erste Sturm gegen Coves Mauern brandete und abgeschlagen wurde. Die Botschaft jedenfalls konnte sie ja gar nicht erhalten haben.
Mit diesen zufriedenstellenden Erkenntnissen erhob sie sich schwungvoll. Ihr leichter Harnisch klirrte leise, als sie das Schwertgehänge aufnahm, um sich auf den Weg zum Besprechungsraum zu machen. Es galt eine Stadt gegen die Gefolgschaften von Chaos und Hölle zu halten - und beim ewigen Blute, das würde sie tun!
Dumpf schlugen die Marschtrommeln den Takt für vielhundert Füße. Untermalt wurde jeder Schlag vom steten Klirren von Rüstungen, Scharren von Stiefeln - und immer wieder vom dumpfen Grollen der Kanonen von Cove. Schon stundenlang konnten die Soldaten des Reiches den Lärm der Schlacht hören. Zu sehen war indes noch nichts, dafür war der Wald zu dicht.
Die Komandeure Namoths hatten den Befehl ausgegeben, die letzten Meilen schon in Schlachtaufstellung zurückzulegen. Jeden Augenblick war mit dem ersten Feindkontakt zu rechnen und niemand wollte das Risiko eingehen, schon auf dem Weg zu den Cove umschließenden Hügeln angegriffen zu werden und dann nicht vorbereitet zu sein. Späher zu Fuß arbeiteten sich an den Flanken des Heeres entlang und erkundeten seinen Weg vorraus aus. Für diese Augabe war schnell ein Teil der leichten Truppen aus Landsend als am besten geeignet befunden worden, während die schwere Infanterie der Cover Garnision das Rückgrat der vorrückenden Armee bildeten.
Hinter der Hauptlinie ritt Zacharias Flint nahe den massierten Schützen, zum großen Teil seine eigenen Leute, allerdings verstärkt von einigen Soldaten aus Cove. Mißtrauisch beäugte er die Rückseite der Infanterielinie, die rechts und links im grün der Wälder auslief. Der Wald hier war das denkbar ungeeignetste Schalchtfeld. Die einzigen Truppen, die hier noch mehr Probleme haben würden als Infanterie und Schützen wären Reitereinheiten.
"Leutnant, herkommen!" Unwirsch winkt er Esme heran. "Mit drei Leuten mal ein wenig umschauen. Irgendwo in diesem Gewucher muß sich noch Lady Fenya herumtrieben mit ihrer Kavallerie. Die sind allmählich überfällig. Wenn es sie noch nicht erwischt hat soll sie sich umgehend zu uns bequemen." Nur kurz sah er zufriedener aus, als er der pflichtbewußten Jungoffizierin nachsah. Das Mädchen machte sich ganz gut bislang. Blieb zu hoffen, daß sie diesen Auftrag auch ausführen konnte.
Wenn sie erst einmal die gerodeten Hügel um Cove erreicht hatten, war die Schlacht so gut wie gewonnen. Nur noch sehr wenige Meilen... dann war es soweit. Wie zur Bestätigung donnerten in diesem Augenblick wieder die Kanonen der belagerten Stadt.
Eilig betrat der Bote den Raum unter Coves Stadtmauern. Hier unten war es recht dunkel verglichen mit der Mittagssonne oben auf den Befestigungsanlagen. Die Zeit, die seine Augen brauchten, um sich an das von Fackeln erleuchtete Dunkel zu gewöhnen, nutzte der Soldat der Stadtwache, um seinen Atem wiederzufinden. Allmählich gewann er die Orientierung wieder und strebte auf den Tisch in der Mitte zu, auf dem mit Holzstücken ein grobes Modell der Stadt aufgebaut war.
Um das Modell standen einige Offiziere der verbliebenen Truppen der Stadt, zwei Meister der Zünfte, die man als Bürgerwehrkommandanten eingesetzt hatte - und die Frau aus Landsend, die wie selbstverständlich von den anderen als Kommandierende anerkannt wurde, obwohl niemand so recht wußte, woher sie plötzlich aufgetaucht war.
"Lady Amayris!" Als sie diese Worte hört, hob die Vampirin den Kopf uns fixierte mit den Augen den Neuankömmling. Aufgeregt brachte er seine Meldung vor: "Auf dem Hügelkamm im Osten - Standarten des Reiches! Die Garnision ist zurück und Oberst Jorge hat wohl Verstärkung dabei. Es sind jedenfalls verdammt viele. Mit Reitern dabei." Ein erleichtertes Nicken war die Antwort. "Gut gemacht. Such jemanden mit guten Augen, damit wir genauer wissen, wer da oben wo steht. Wenn es Neues gibt, dann komm sofort wieder." Der Mann salutierte kurz und machte sich wieder auf den Weg.
"Der Entsatz ist also endlich da", richtete Amayris dann das Wort an die Umstehenden. Sie gab sich keine Mühe, ihre Erleichterung zu verbergen. Zwar war sie anders als die anderen Verteidiger nicht erschöpft von der dauernden Abwehrbereitschaft, aber ihr Geist sehnte sich trotz aller Unerschöpflichkeit des Körpers allmählich nach Ruhe. Und die würde sie erst finden, wenn dieser Kampf vorbei war.
Mit der Dolchspize tippte sie auf die Fläche vor der Modellstadt. "Jetzt, wo der Entsatz da ist, brauchen wir auch nicht mehr mit dem Pulver sparen. Schickt unseren Verbündeten einen ordentlichen Salut aus allen Rohren. Wo es geht, die Gräben von vorne nach hinten abarbeiten... vielleicht können wir sie auf freie Fläche treiben, wo die Kavallerie leichteres Spiel hat..."
Marschtrommeln, gebrüllte Befehle - und über allem der Donner der schweren Geschütze auf den Cover Bastionen. Die Schlacht hatte begonnen. Hinter der schweren Infanterie rückten die Schützen vor. Zacharias war abgesessen, um den gegnerischen Geschossen kein prominentes Ziel zu bieten. Den Hang hinab hatte er auch zu Fuß genug Überblick. Alles in allem ließ sich die Schlacht gut an. Bislang sah es aus wie ein sicherer Sieg, vor allem, wenn zu den Einschlägen der Kanonen noch ein Hagel von Pfeilen sich gesellen würde.
"Alle Reihen Haaaaalt!" Sein laut gebrüllter Befehl wurde weitergegeben über die Menge der locker formierten Schützen. "Alles fertigmachen. Nehmt Ziel an der vorderen Linie des Feindes!" Naja. So viel Linie war da gar nicht mehr. Eigentlich war das Standardmanöver um der Infanterie den Einbruch zu gestatten recht unnötig. Dennoch, irgendwo mußte der Pfeilhagel ja hin.
"Gebt frei! Befehl übernehmen, Feuer nach Ermessen nach Reihen gestaffelt!" Nachdem er den Befehl zur Seite gegeben hatte, besah sich der Oberst das Geschehen aus sicherer Entfernung. Vor ihnen drang die Infanterie der Cover Garnision auf den Feind ein. Links und rechts wurden die Schützen von den Landsender Hellebardieren geschützt und an der rechten Flanke der Schlachtlinie machte sich gerade die Reiterei unter Lady Fenya fertig.
Zacharias zweifelte allerdings, ob der noch nötig sein würde. Die Stellungen der Gegner begannen schon zu wanken. Einzelne suchten ihr Heil schon in der Flucht.
Ein leises Geräusch des Metallgeschübes verriet die sich nähernde Person dem einsamen Soldaten auf der Mauer, noch bevor er die Schritte der Stiefel hören konnte. Ohne zu fragen, trat eine Frau neben den Oberst, der seinen Gedanken nachhing. Auch sie ließ ihre Blicke eine Weile am Schlachtfeld vor der Stadt hängen. Dann wandte sie den Kopf zu Jorge um. Der über die Schultern des Umhanges streichende Haarschopf schien die Stille auf der Mauer fast ungehörig zu durchbrechen, bevor sie leise die Stimme erhob.
"Es ist jedesmal schwer zu fassen, wenn alles vorbei ist und so viele mit sich gezogen hat..." Ein müdes Lächeln umspielte dabei die bleichen Züge der Kriegerin mit der rotbraunen Mähne und den eisblauen Augen. "Ich mache mir in solchen Momenten immer klar, warum ich ursprünglich in den Krieg gezogen bin. Wären wir nicht gewesen, dann hätte es die Toten in der Stadt gegeben." Dann fanden Amayris Blicke wieder das Schlachtfeld. Die behandschuhte Rechte der Herrin von Landsend nahmen eine der Zinnen als Stütze, die Linke schloß sich fest um den Knauf ihres Schwertes. "Das macht niemanden wieder lebendig, aber es gibt dem Sterben wenigstens einen kleinen Sinn."
Schweigend verharrte sie dann und nahm die Eindrücke der Umgebung in sich auf. Zum ersten Mal sah sie, was die letzte Kanonade, die auch sie selbst befohlen hatte, aus dem Vorfeld der Stadt gemacht hatte. Die Palisaden der Söldner waren nur noch zu erahnen, die meisten Pfähle lagen gesplittert kreuz und quer auf einem von Kratern und tiefen Furchen durchzogenem Acker, auf dem kaum noch ein Halm stand. Der fahle Schein des Mondes enthüllte ihren scharfen Sinnen dazwischen liegend den einen oder anderen leblosen Körper. Die meisten verdeckten Dunkelheit und Entfernung gnädig.
"Meine Dame" der Obrist dreht sich herum und verneigte sich dann angemessen, "Ihr habt Recht". Was ihn aber nicht von einem Seufzer abhielt, während er selber auch wieder den Blick hinaus auf die Ebene wandte.
"Ich wage mich dennoch zu fragen, ob das alles nötig war. Diese Verblendung gegen Namoth anzugehen. So viele gute Männer, tot für eine Sache, die nie zum Ziel führen konnte. Verraten und Verkauft von ihren Anführern, oder habt Ihr auch nur einen von jenen erblickt?" Er schüttelte für sich selber schon den Kopf als Antwort, ohne auf eine Reaktion von Amayris zu warten.
"Das war es nicht wert. Viele von denen da draussen ... waren auch meine Männer. Ich trage die Verantwortung, und ich werde viele Besuche machen und Trauerbriefe schreiben müssen. Nein, bei den Dreien, das war es nicht wert".
Er stützte beide Ellbogen auf die Mauer, und lehnte den Kopf in die Hände. Der Blick war grimmiger geworden, und er starrte nun hinaus in die Ebene, als könnte man dort vielleicht einen Schuldigen ausmachen. Aber da war niemand, nur eine seltsame Ruhe nach dem Sturm.
Es war vorbei, aber im Herzen würde es niemals vorbei sein.
Amayris wandte sich noch einmal zu dem alten Kämpen neben ihr um. Der Blick der Vampirin ruhte auf dem Oberst und langsam nickte sie als Bestätigung seiner Worte. "Der Tod vieler an nur einem Tag hat selten einen Sinn, der all das vollends rechtfertigt. Aber die Vorwürfe müssen nicht wir uns machen." Jovial legte die Adlige eine Hand auf die Schulter des Offiziers, als wenn sie ihm mit dieser schlichten Geste Beistand bekunden wollte. Dann sah auch sie wieder in die Nacht hinaus. Die NAcht selber war schön, wie immer. Und zum ersten Mal seit Tagen war sie einigermaßen ruhig, nicht durchbrochen von vereinzeltem Kanonendonner. Das Feld vor Cove war Dunkel, ohne Wachfeuer. Und dennoch war diese NAcht anders als andere. Immer noch hing der für ihre feinen Sinne deutliche Geruch von Blut über den Wiesen vor der Stadt. Aus die ihrer Art eigene Weise genoß etwas in ihr all diese Eindrücke, während die Gedanken der Kriegerin bei den Gefallenen weilten.
Die Eindrücke würden ihr erhalten bleiben. Aber alles würde schon bald wieder in alten Bahnen verlaufen.
Vingauer Vigilanten - Expansion nach Norden
Schwere Kerzenständer aus Metall beschwerten das große Pergament auf dem wuchtigen Tisch aus nur grob gefügtem Holz. Draußen fegte irgendwo der Wind vorbei, heulte in den schmalen Öffnungen und einzelne Stöße ließen die Kerzen flackern, die ihre Schattenspiele über die dicken Mauern gleiten ließen. Das Pergament zeigte mit mehreren Linien deutlich die Gestade Namoths. Eisenküste schrieb ein großer Schriftzug im Meer an der Wasserlinie entlang, darunter standen kleiner Namen wie Isenhutt, Norbergen, Landsend, Vingau, Stahlhocken, Heffbrock. Zwei große stilisierte Festungen bildeten die Eckpunkte des dargetsellten Landes: Cove und Düsterhafen. Plötzlich fuhr von oben ein Finger herab auf das Pergament und deutete auf eine Stelle auf dem Pergament. "Hier wird zugeschlagen", erklärte eine gedämpfte Stimme, wohl die einer Frau. Ihr schlanker aber arbeitsgewohnter Finger kreiste einige der Namen ein, deutete dann auf ein kleines Zeichen Nähe des Wortes "Norbergen". Ein kurzer Augenbick des Schweigens verklang, dann war wieder die gedämpfte Stimme zu hören. "Und dort holt ihr die Verstärkung her. Es sollte genug geben... aber nicht übertreiben und nicht erkannt werden." Ein tiefes Brummeln der zweiten Person. Offenbar war der Mann nicht ganz einverstanden mit dem, was von ihm verlangt wurde. Wieder sprach die Frau: "Du wirst tun, was ich dir aufgetragen habe." In der Stimme lag befehlsgewohnte Schärfe, aber dann wurde sie wieder sanfter. "Es ist zum Besten aller und es gibt viel zu gewinnen... also los jetzt. Ich komme dann wie besprochen nach."
Stille Tropfen fielen auf den Stein. Von jenseits der festen Felsen war dumpfes, rythmisches Grollen zu hören. Die Höhle lag in völliger, klammer Dunkelheit. Irgendwo war das flattern einer Fledermaus zu hören.
Auf dem großen Steinblock in der Mitte hatte sich die Bewohnerin dieses tiefen Gelasses auf dem Lager aus Fellen und fein bezogenen Kissen ausgestreckt. Kein Atemzug regte sich unter den auf dem Bauch gefalteten Händen und die Augen starrten unbeweglich an die auch für nachtscharfe Sinne nur schwer auszumachende Decke der Felsenhalle. Wohin gehst du, Amayris? Diese Frage geisterte unter dem Lockenschopf herum. Schon viele, ungezählte Stunden waren verstrichen, doch eine Antwort würde sie wohl nie finden.
In den letzten Nächten hatte sie einige Gespräche geführt, die sie aufgewühlt hatten. Zuerst jenes mit dem jungem Zauberer bei einem ihrer Besuche in der Stadt am großem Sumpf. Er hatte eine Art an sich, die sie immer wieder frohgemut stimmte - und für seine Jugend schon Erfahrungen gemacht, die ihr hilfreich erschienen. Nun hatte er sie verblüfft mit der Erklärung, von Stande zu sein, wenn auch unbedeutend. Sie war sich sicher, sie würde ihn wieder besuchen. Aber seine Ratschläge wollten ihr nicht aus dem Kopf gehen. Die großen Steine im ewigen Spiel...
Dann war da ihre junge Schwester in der Nacht. Durch Zufall hatte sie sie noch vor kurzem in der Pestbeule des Verrates angetroffen. Eine lange Nacht war es geworden in der Spelunke am Fluß, ein langes Gespräch, daß sie trotz der bewegten Themen sehr genossen hatte. Sie fühlte sich in gewisser Weise mit dieser Frau verbunden... und dann wieder trennten sie doch Welten. Sterbliche Welten, aber darüber hinweg zu sehen fiel ihr ja selber noch schwer genug, wie sollte es also bei der Gefolgsfrau des Eroberers sein? Und dennoch... sie hoffte inständig, daß die Hindernisse sich nicht auftürmen würden.
Und noch eines war aus dieser Nacht erwachsen... der Wunsch nach mehr. Nicht für sich allein, sondern für andere. Licht, Schatten... das alte Thema. Viel Platz bot ihr Weg noch nicht, aber ein wenig würde sie ihn noch nutzen können. Sie hatte mit ihrem treuen Foragh das Problem erörtert. Begeistert war er nicht gewesen ob seiner Aufgabe, aber er würde sie ausführen.
Und die Zeit würde die Früchte in den Schoß seiner Herrin legen...
Münzen schabten über das rauhe Holz des Tisches. Gold blinkte auf. "Seht ihr dies?", brummte eine tiefe Stimme, nicht sehr laut, doch drangen die Worte durch den Lärm der Spelunke im Hafen von Düsterhafen hindurch an die Ohren der Befragten. Der Sprecher hielt weiter seine Hand auf dem Geld, während er einen Schluck von dem furchtbarem Gesöff trank, was man in diesen Räumen Bier nannte. Über den Rand seines Humpens musterte er seine drei Geschäftspartner eindringlich: Halsabschneider übelster Sorte, an die er sich nie gewandt hätte, wenn die Situation es nicht erforderte. Aber sie schienen ihm die richtigen für den Auftrag zu sein, den man ihm erteilt hatte. Der gierige Glanz in den Augen der Schläger verriet es: Diese würden alles tun, um an das versprochene Gold zu kommen. "Wieviel davon läßt du springen, Glatzkopf?" Der schmierige Mann in speckigem Nietenleder beugte sich verschwörerisch vor. Saurer Atem schlug dem Angesprochenem entgegen. In einem Reflex spannte er die harten Muskeln an, die sich unter dem groben Leinenhemd verbargen. "Genug, Jorick. Wo diese sind, sind noch mehr. Aber nur, wenn ihr wirklich die Teufel seid, die man mir anempfohlen hat. Ihr sollt ja tatsächlich darauf aus sein, euch mit Bewaffneten anzulegen... und das wäre mir einiges wert..." Jorick grinste und entblößte zwei lückenhafte Zahnreihen. "Laß hören, Alterchen... du hast da wohl ne dolle Geschichte zu erzählen..."
"Laß ihn, Jorick. Nimm ihm den Geldbeutel und gib ihm noch einen übern Kopf." Der breitschultrige Glatzkopf machte eine unwirsche Geste. Über dem Tuch, daß seine Züge zur Hälfte verbarg, zeigte sich Ungeduld. Der breitschultrige Anführer der knappdutzendstarken Räuberbande lieferte sich mit seinem Stellvertreter ein Blickduell. "Verdammt nochmal, Glatze... was soll das? Warum soll ich ihm nicht die Gurgel durchschneiden?" Jorick fuhr wütend auf. Glatze begann ihn zu nerven. Dauernd gabs Vorschriften und worums wirklich ging, verriet er nicht. Ohne die Beute wären sie alle schon längst wieder weg. Aber es soltle ja noch was großes kommen. Nur warum hielten sie sich dann hier auf? "Wer lebt, kommt wieder. Und nun mach zu, bevor die Rotröcke aus Vingau anrücken. Ich zumindest will mich noch nicht mit denen anlegen. Du etwa?" Murrend fügte sich Jorick und die Bande verschwand wieder in den weiten Wäldern. Zurück blieben die bewußtlosen Körper eines Händlers, seines Fuhrmannes und ein toter Waffenknecht.
Die anderen saßen in der Wachstube und würfelten und tranken. Und sie mußten hier draußen Wache schieben bei diesem Mistwetter. Mißmutig, nein, stinkwütend zog er den Mantel enger um sich. Ja, es war klar, daß man genau ihn für die Nachtrunde eingeteilt hatte. Hätt auch schlimmer kommen können, aber sympathischer machte ihm das den Lanzenführer nicht. Dafür war er eigentlich nicht zu den Soldaten gegangen. Eigentlich wollte er an der Seite von Lady Amayris große Taten vollbringen, Beute machen im Krieg und mit den Kameraden Spaß haben. Stattdessen schob er hier am Arsch der Welt Nachtwache in einem götterverlassenem Steinbruch bei Norbergen. Nur weil er und sein Kumpel son Bauernweib etwas zu fest angefaßt hatten. Das Miststück hatte sie beim Lanzenführer angeschwärzt, sie waren eine Weile in den Bau gegangen... und nun hieß es Strafwache. Für drei Wochen! Nunja, sie hätten auch bei den Arbeitern landen können. Das wäre wirklich hart geworden...
Lange würde er den Mist hier auch nicht mehr mitmachen. Vielleicht sollte er einfach abhauen. Drüben, bei Heffbrock und Vingau hatte es in letzter Zeit einige Überfälle gegeben. Man hatte ein paar Händler und Gehöfte ausgenommen. Das wäre nach seinem Geschmack: Abenteuer und Beute. Vielleicht sollte er versuchen, sich dem Haufen anzuschließen. Nach der Wache würde er mal seinem Kumpel hier auf den Zahn fühlen. Der schien auch nicht ganz zufrieden mit der ganzen Schose...
Mit einem dumpfem Schlag gingen dem Soldaten die Lichter aus. Der Glatzkopf sah sich um und gerade noch, wie Jorick seinen schweren Dolch in die Brust des anderen vergrub. Die beiden Nachtwachen hatten keine Chance gehabt. Mochten die Götter über sie richten, genug zu verurteilen würde es geben, da war sich der Anführer der Bande recht sicher.
"Gut gemacht... aber leise jetzt. Im Schatten der Palisade lang... die Hütte da hinten..." Der Glatzkopf knurrte die Befehle nur gedämpft. Unruhig sah er sich in dem Straflager um. Es stand wirklich zu hoffen, daß keiner der anderen Soldaten sich entschloß, zu früh aus der Wachhütte zu kommen. Der Posten auf dem kleinem Holzturm konnte sie hier unten sicherlich nicht sehen - das Wetter verbarg sie gut und schluckte viele der Geräusche im steten Regen.
Schnell waren sie heran. Ein gezielter Schlag mit einer Axt und das Schloß war gesprengt. "Los jetzt, holt eure neuen Kumpels da raus. Wer Krach macht, fährt ab... die anderen sollen sich beeilen und ihre Ärsche mit uns bewegen..."
Schnaufend stapfte Ernest die breiten Stufen in der kleinen Stadtfestung Vingaus hoch. Sein Gesicht war schon von Schweißtropfen gezeichnet gewesen, als er nach einem eiligem Ritt unten im Hof angekommen war. Er war nicht mehr der Allerjüngste und plötzlich fing der Gendarmeriedienst in der Etappe an, ebenfalls anstrengend zu werden.
Nunja, wenn alles gut ging, dann würde er jetzt seine Meldung über die paar Überfälle auf irgendwelche Pfeffersäcke machen, die zu blöd waren, ordentlichen Schutz anzuheuern, der Magistrat würde sich das anhören, einmal nicken und das war es dann soweit. Im schlimmsten Fall würde der Mann einen Ausraster bekommen und die Truppe wieder in den Wald hetzen, um Gespenster zu jagen. Das war eine Vision, die dem etwas beleibtem Truppführer gar nicht behagte. Er war schließlich auch nicht mehr der junge Mann, der damals gegen die Untoten mitgekämpft hatte.
Mit einem kleinem Stoßgebet, die Götter möchten seine Tage ruhig gestalten, hob er vor der Tür zum Amtszimmer des Vingauer Statthalters die Faust und klopfte. "Herein!", kam es unwirsch von drinnen. ""Ruhm der Armee und Wohl dem Reich, Magistrat. Ich habe eine Meldung zu machen!", Magistrat. Ich habe eine Meldung zu machen!" Ernest salutierte, der Magistrat sah von seinem Schreibtisch her auf, machte mit dem Federkiel eine wedelnde Bewegung und erklärte mit näselnder Stimme: "Schließe er die Tür hinter sich und mache er dann seine Meldung..."
Noch einmal ließ sie sich den Wortlaut des eben vernommenen durch den Kopf gehen. Der Bote hatte ausführlich berichtet von dem Ritt Fenyas. Ein gewisser Teil der Sträflinge aus Norbergen war also wieder eingefangen worden. Gut so. Über die Züge der vampirischen Herrin Landsends huschte ein Lächeln, doch das Lächeln erreichte nicht die Augen. Nachdenklich schob Amayris die Lippen etwas vor.
Noch bestand kein Grund zur Sorge und sie konnte fortfahren wie gehabt. Wenn sie den Magistrat der benachbarten Gebiete richtig einschätzte, war der Mann ein guter Verwalter aber taugte weder für den Krieg noch für eine besondere Krisensituation. Kühl vertiefte sich ihr Lächeln noch. Es war nun wohl an der Zeit, dem verehrtem Nachbarn die wohlmeinende Hand zum Bund zu reichen.
Selbstzufrieden ging sie zum Schreibpult hinüber und begann ein Schreiben aufzusetzen. Mühsam zwang sie sich dabei zu einem etwas respektvollerem Ton, als sie dieser bürgerlichen Schranze gewöhnlich zugestanden hätte.
"Magistrat Vingaus, ich entbiete meinen Gruß!
Mit Sicherheit berichte ich wenig Neues, wenn ich davon schreibe, daß sich dieser Wochen im Grenzland zwischen eurem und meinem Herrschaftsgebiet eine Gruppe Raubgesindel herumtreibt, gegen das ihr schon einige Zeit vorgeht.
Gewohnheitsmäßig hätte ich dieses Problem in euren treuen und zuständigen Händen belassen, doch erdreistete sich das Pack jüngst seine Streifzüge auf den Boden des Dominiums Landsend auszudehnen und überfiel ein Lager, das der Läuterung verbrecherischer Subjekte gewidmet ist. Zwar sind inzwischen wohl ein guter Teil der Ausbrecher wieder dingfest, doch steht zu befürchten, daß die Bande neue Spießgesellen gewonnen hat.
Ich biete euch nun meine Hilfe an, damit wir die Verfolgung des Gesindels koordiniert und wirksamer fortsetzen können. Auf diese Weise sollte es uns gelingen, die Schlupflöcher für die Verbrecher zu schließen, zum weiteren Gedeihen des Reiches.
Es ist an der Zeit, ein Zeichen zu setzen!
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest Herrin des Dominiums Landsend"
Noch einmal überflog sie die Zeilen, die sie beim schwachem Schein der fernen Fackel so gut wie im Tageslicht verfassen konnte. Nach einem grimmigem Nicken wurde das Pergament gerollt und gesiegelt. Morgen früh würde ein Bote noch vor Tagesgrauen zum Adressaten der Botschaft aufbrechen. Sie selbst würde sich bis dahin zurückziehen und die Ruhe der unterirdischen Gelasse dafür nutzen, auch ihrem Gefolgsmann in der Gegend eine Nachricht zukommen zu lassen.
Vorsicht war geboten...
Von ihrer Warte aus hatte sie den abendlich daliegenden Hof gut im Blick. Das Burgvolk ging den letzten Arbeiten des Tages nach, während im Westen nur noch ein schwacher Schimmer des Tages zu erkennen war, der aber seinen Weg nicht mehr in die Kammer im Palas fand, in der sich die Burgherrin gerade aufhielt.
Diese beobachtete mißmutig das Treiben der Mägde und die beflissen wachenden Soldaten in ihren Farben. Doch waren es nicht die einfachen Leute, die ihre Gedanken trübten, sondern der Vorfall von vor wenigen Nächten: Während sie einer eher minder wichtigen Angelegenheit im Ort nachging hatte sie dort durch Zufall eine Person angetroffen, mit deren Anwesenheit in Landsend nicht unbedingt zu rechnen war. Glücklicherweise hatte er nach einem kurzem Disput sein Schwert ausgehändigt und sich in ehrerhaltende Haft begeben.
Genau genommen fingen damit die wirklichen Probleme erst an. Nun galt es, herauszufinden, was einen britannischen Paladinschüler wirklich ins Herz Namoths geführt hatte. Sie wollte nur zu gerne glauben, daß er lediglich eine Bekannte besuchen wollte, nur konnte sie guten Gewissens annehmen, er wäre so naiv? Nein, die Angelegenheit bedurfte einer gewissen Prüfung und solange würde Sir Lionel halt ihr nicht ganz freiwilliger Gast bleiben müssen.
Immerhin schien er sich aber gut damit abgefunden zu haben, sich nur unter Aufsicht einigermaßen frei bewegen zu können. Sie hatte versprochen, schnell zu klären, wie sie weiterverfahren würde mit ihm. Sie hoffte, sie würde die Antwort dementsprechend zügig finden.
Es hatte passieren müssen. Insgeheim verfluchte Ernest sein glückloses Schicksal. Aber es war unausweichlich gewesen. Diese dreimalverfluchten Räuber hatten es geschafft, den Magistrat von Vingau zu überzeugen, ein "Exempel sei unumgänglich vonnöten, um nicht zum Gespött zu werden". Und so zog er nun mit seinen Gendarmen in den Wald, um dieses Raubgesindel zu jagen, damit die Pfeffersäcke endlich wieder ihre Ruhe hätten und nicht mehr in den Ohren des Magistrats liegen müßten. Wohl war ihm bei der Sache nicht. Diese Räuber waren anders als die, mit denen er es früher zu tun gehabt hatte. Sie waren verflixt gut organisiert und nutzten die Grenze zwischen den Zuständigkeitsbereichen geschickt aus, um nach ihren Überfällen immer wieder entweder nach Landsend drüben oder nach Vingau hier zu verschwinden. Er hatte nicht viel gehört von Überfällen drüben. Offenbar hatten sie dort aber gut Zunder bekommen. Die eiserne Lady hatte wohl ihre Vogtin selbst auf die Räuber angesetzt. Nun war es an ihm, dem Beispiel zu folgen und auch hier der Bande den Boden wegzureißen.
Da waren sie. Der fettleibige Truppführer hatte seine Leute nicht geteilt bislang und schien sie wohl zusammenhalten zu wollen. Es schien nahezu die gesamte Gendarmerieabteilung aus Vingau ausgerückt zu sein, um dem Treiben seiner ungewollten Kumpane ein Ende bereiten zu wollen. Durch sein Fernrohr erkannte er leicht die Gesichter der einzelnen Leute: Ein bunt gemischter Haufen, Veteranen und Frischlinge nebeneinander. Um viele war es an sich schade, daß sie Joricks Massakerlaune anheim fallen würden. Wenn es gut lief, würde er vielleicht ein paar retten können.
Eilig zog sich der Glatzkopf von seinem Ausguck zurück und lief geduckt hinüber zu er Stelle, an der die Bande den Hinterhalt vorbereitet hatte. Nun galt es nur noch den Köder auszuschicken und alles würde seinen Lauf nehmen. Mit einer Bewegung der Hand schob er das dunkle Tuch über die in Grimm verzerrten Gesichtszüge.
Mit schwerfälligen Bewegungen tastete Ernest seinen schmerzenden Schädel ab. Offenbar war die schwere Keule doch nicht durch den Knochen gedrungen, als sie seinen Kopf traf und ihm das Licht ausgepustet hatte. Verdammt noch eins - wo waren die bloß plötzlich alle hergekommen? Das ganze war ein Debakel erster Güte.
Sein verschwommener Blick suchte die nähere Umgebung ab und blieb an dunklen Flecken hängen, die vermutlich seine Leute waren. Er wollte gar nicht genauer hinsehen. Niemand regte sich mehr, soweit er sehen konnte, was nicht sonderlich weit war im Dunkeln und mit Schlieren vor den Augen. Vielleicht war ja noch jemand entkommen. Das wäre richtig gut, dann müßte nicht er dem Magistrat diese Niederlage melden.
Noch konnte er sich nicht einmal bewegen. Irgendetwas war mit seinem Bein los. Es schmerzte, als er es bewegte. In dem Augenblick, als er es belasten wollte, umfing den Veteranen wieder gnädige Schwärze...
Mit einem Lächeln betrachtete Amayris das Pergament in ihrer Hand, las noch einmal die Zeilen, die man dort an sie schrieb. Jetzt also bat man sie doch um Hilfe gegen diese Räuberplage. Wie angenehm. Das machte den nächsten Schritt weitaus ungefährlicher, denn der Schattenrat würde so keinen Anstoß nehmen können an ihrer Hilfsbereitschaft. Sie hatte vor, diese Hilfe recht ausgedehnt zu gestalten. Nur darum müßte man sich zu einem späterem Zeitpunkt erst kümmern.
Sie ließ die Hand mit dem Schreiben des Vingauers auf die Lehne ihres Thrones sinken und hob den Blick geradeaus. Der Wache, die am Eingang zur hohen Halle stand, rief sie zu: "Lauf, hol Lady Fenya. Sag ihr, sie sei nun am Zug und ich wolle nur noch eben die letzten Details durchgehen mit ihr!" Der Mann nickte und verschwandt dann zügig, um die Vogtin aus dem Dorf zu holen. Insgeheim hoffte er, sie nicht aus den Federn holen zu müssen. Doch diesmal war es ja noch nicht so spät... und vielleicht gewöhnte sie sich ja auch an den ungewöhnlichen Tatendrang, den die Herrin immer erst am Abend entwickelte...
Allein in ihrem Thronsaal lehnte sie sich zurück auf dem schwerem Stuhl und ließ das Haupt in den Bezug der Lehne sinken. Sie schloß die Augen und suchte durch den Bund des Blutes einen bestimmten Geist, der sich einige Tagesreisen von hier befand. Ein zufriedenes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie ihren treuen Gefolgsmann aufgespürt hatte und durch seine Augen seinen stinkenden Haufen Marodeure fand. Dann schickte sie ihm über die Verbindung ihre Botschaft: "Es ist soweit. Triff dich mit Fenya in Vingau. Er will unsere Hilfe!" Dann schon brach sie die Verbindung ab und zog sich zurück. Er würde wissen, was zu tun sei.
Entspannt wartete sie nun auf die Frau, die die Tagesgeschäfte ihres wichtigsten Ortes führte. Schon seit einigen Tagen stand ein ausreichend großes Kontingent der Landsender Wehr bereit, um in Vingau einzumarschieren, den Räubern den Gar auszumachen und die Bürger und Einwohner Namoths dort zu schützen, nachdem die Vingauer Gendarmerie ja so kümmerlich versagt hatte, wie man hörte. Die einzigen beiden Details waren nur noch, daß sie Fenya mitteilen wollte, daß man sie nun doch gebeten hatte einzugreifen - und daß Fenya mit Zacharias vor Ort Kontakt aufnehmen sollte, der die Lage schon eine Weile beobachtet hätte...
Tief die Kapuze ins Gesicht gezogen hatte sich die breitschultrige Gestalt durch die Straßen Vingaus geschoben. Hier im Ort war es ruhig, aber die Räuber hatten sich auch nicht in die Mauern des kleinen Marktstädtchens getraut. Die Mauern schreckten sie wohl noch genug ab. Ein Schmunzeln konnte sich der Mann nicht verkneifen, der so viel mehr wußte als die anderen Passanten, die er ab und an freundlich grüßte, obwohl er von innerer Anspannung geplagt war. Diese ging allerdings einigermaßen zurück, als er das grünschwarze Banner seiner Herrin auf den Mauern der Wachstube wehen sah. Es war also soweit...
"Die Götter zum Gruß, Milady." Ohne weiteres griff Zacharias zu Pergament und Kohlestift und begann für die Anführerin eine Karte zu zeichnen. "Hier.... ihr müßt der Linie von diesem toten Baum zu dem Felsen dort folgen. Und kommt nicht ab, sonst wird man euch bemerken. Den Weg dort habe ich vorbereitet, die anderen Seiten wären verräterisch. Hinter der Felsnase könnt ihr dann den Eingang einer Höhle sehen. Es gibt zwei Ausgänge..." Kurz, knapp und präzise zeigte er die Gegebenheiten der Falle auf, die er seinen eigenen Leuten gestellt hatte. Eine gewisse grimmige Genugtuung stahl sich dabei in seinen Ausdruck. Als er seine Kapuze wieder über die Glatze zog, nickte er Fenya noch einmal bekräftigend zu. "Belastet euch nicht mit falscher Zurückhaltung in diesem Gefecht, Milady. Ich kenne die Bande und keiner ist der Gnade wert. Die Götter mit euch - ich kehre nach Landsend zurück."
Tatsächlich hatte sich Amayris nicht verrechnet. Nachdem die Räuber in die Falle gegangen waren und allesamt getötet wurden im Gefecht, fiel ihr vom Schattenrat gebilligt die Verwaltung Vingaus zu, daß sofort von Landsender Truppen besetzt wurde und einer schleichenden Annektion anheim fallen sollte.
Amayris herrschte nun von der Eisenküste is an die Berge von Covetous.
Schlangen und Dämonen
Endlich wieder in den eigenen festen Mauern. Amayris erlaubte sich, dem unnötigem Drang nachzugehen, durchzuatmen, auch wenn die Luft ungenutzt und nicht wärmer als vorher wieder aus den Lungen strömte. Aber die Nacht war bislang ereignisreich gewesen und sie war leider viel zu kurz, denn noch viel war zu tun. Und die nächste Nacht versprach noch zehrender zu werden. Doch zuerst einmal ließ sich die Herrin von Landsend auf dem Thron in der hohen Halle ihrer Burg nieder und begann systematisch ihre Erinnerungen und Pläne zu ordnen, um nichts zu übersehen.
Die Sonne war kaum hinter dem Horizont versunken, als die seltsamen Fremden am Burgtor aufgetaucht waren. Beritten waren sie mit seltsamem Getier und verlangten, sie selbst zu sprechen. Von den aufgeregten Wachen alarmiert hatte sie die Frau mit den seltsamen Augen und deren schweigsamen Leibwächter empfangen. Das Begehr von Ayis Teleren, wie sich die Frau selber nannte, war ein Hilfsgesuch: Ihr geheimer Orden - der genannte Name war ihr tatsächlich noch nie untergekommen - liefere sich in den Feuerhöhlen unter Schlangenfest einen inzwischen aussichtslosen Abwehrkampf gegen Ungeheuer.
Zu ihr sei man gekommen, da auf Schlangenfest keiner in der Lage sei, dieser Gefahr zu begegnen, geschweige denn bis zum Kern des Übels vorzudringen. Was dann folgte, gab der Vampirin einen tiefen Stich ins tote Herz: der König von Britain habe die Insel aufgegeben, die sein Vater noch mit waffenklirrender Macht seinem Reich einverleiben mußte, und unbewacht und ungeführt zurückgelassen. Den beginnenden Niedergang der einstigen freien Grafschaft hatte Amayris noch gesehen - aber diese Neuigkeiten brachten das tote Blut zum kochen und sie konnte sich nur mühsam beherrschen, nicht aufzufahren. Sollten diese Worte der Wahrheit entsprechen, dann...
Und das war der Knackpunkt gewesen. Konnte man jemandem trauen, der sich brüstete, der Transport des Entsatzes wäre mittels Magie gar kein Problem, - und noch dazu zu irgendeinem obskurem Geheimorden zu gehören schien, der sich erdreistete, gar seltsames Getier zu reiten? Durch die Schatten war es ein kurzer Weg nach Schlangenfest, dem Ort ihrer Jahre am Hofe Graf Horans. Die Worte über den desolaten Zustand der Wehrbereitschaft bewahrheiteten sich bei einem Rundgang über die Mauern, die einst ihrer Obhut unterlagen, und bei einem Gespräch in einer der Tavernen schnell. Die angeblichen Schrecken zu finden in dem heraufziehenden Sturm gelang ihr jedoch nur, da sie wußte, wo sie sie zu suchen hatte. Dann jedoch galt es auch sogleich, einen Strauß zu fechten mit kleinen aber nicht weniger bösartigen Dämonenwesen.
Und sie kam nicht umhin - es war Bedarf an Handlung. Daher war sie nun wieder hier in Landsend, nicht ohne sich vorher noch er Hilfe einiger ungewöhnlicher Verbündeter zu versichern. Aber sie war noch nicht am Ende. Nun galt es ihren Teil zu bereiten. Ihre Finger kneteten ungeduldig die Enden der stabilen Armlehnen ihres Thrones, während sie auf ihre junge Burgleutnantin wartete, deren Schritte vom Blut in den Thronsaal geführt werden sollten.
Schnelle Schritte schwerer Reitstiefel hallten durch den Gang. Doch die blonde Soldatin kümmerte sich nicht darum, ob andere Bewohner der Burg geweckt werden mochten. Im Kopf ging sie immer wieder die Befehle durch, die ihre unsterbliche Herrin ihr gegeben hatte, um ja keine der Anweisungen zu vergessen.
Jetzt sofort sollte sie zu Lady Fenya eilen, um sie auf die Burg zu rufen. Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht. Die betagte Kriegerin würde sicherlich hoch erfreut sein, noch nach Mitternacht aus den Federn geholt zu werden. Aber es mußte etwas Schlimmes passiert sein, wenn das Schützenregiment einberufen werden sollte. Das Wie und Warum mußte besprochen werden und das offenbar zügig.
Und dann war da noch ihr neues Kommando. Plötzlich war sie vom Wachdienst befreit und sollte das Kommando über eine Abteilung Hellebardiere übernehmen. Lady Amayris hatte ihr den Rat gegeben, sich noch von ihrem Vater zu verabschieden auf vielleicht längere Zeit. War Krieg und es war bisher an ihr vorbeigezogen? Aber im Krieg würde man doch nicht die Wappenröcke und Feldzeichen zuhause lassen...
Und warum sollte sie diese große Anzahl Waffen bei der Schmiedin Perena ordern? Kurz überschlagen würde das zum Bewaffnen von mehreren neuen Einheiten genügen. Aber woher sollten die kommen? Und wohin sollten sie dann ziehen?
Esmes Herz raste vor Aufregung, als sie in Richtung der Ställe lief. Irgendetwas Großes war im Gange. Das konnte man förmlich riechen!
Im Thronsaal blieb die Burgherrin allein zurück mit ihren Gedanken. Hoch aufgerichtet saß Amayris auf dem hohen Stuhl und ging die nächsten Schritte durch. Die Augen waren starr geradeausgerichtet, die Hände lagen wieder gleich den Klauen eines Greifen um die Enden der Armlehnen gekrallt.
In Landsend würden sich morgen die Pflichtigen sammeln, gemeinsam mit den regulären Truppen, die noch ohne direkten Befehl waren. Offiziell würde es heißen, man wolle gegen die Räuberplage im Norden vorgehen und diesen Hunden endlich den Gar ausmachen. Und im Grunde stimmte das auch. Das ein kleiner Teil ein ganz anderes Ziel hatte und auch hinter der größeren Aktion ein ganz anderer Plan stand, mußte jetzt noch niemand wissen. Sie würde allerdings früher oder später die Karten auf den Tisch legen müssen. Ein oder zwei Stiche mußte sie aber noch machen...
Mit geschlossenen Augen griff sie aus nach dem Blut, welches sie verschenkt hatte. Der gebundene Geist war inzwischen leicht zu finden und sie übermittelte ihm die Botschaft baldigen Eingreifens. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie sich ausmalte, wie er diesem Augenblick sehnlichst entgegenfiebern würde. Ja, bald schon würde er wieder seinen wahren Platz einnehmen...
Nun jedoch galt es noch etwas anderes zu erledigen. Bald würde Fenya kommen. Die Nacht war anstrengend gewesen, mehr Anstrengungen standen bevor... Kämpfe. Wann würde sie das nächste Mal trinken können? Sie hatte nicht die Muße einer amüsanten Jagd, aber das Tier zerrte inzwischen in ihr.
Mit einer schnellen Bewegung stand sie auf und lenkte ihre Schritte in die wohlgefüllten Verliese unter den Felsen der hohen Klippe.
Nachts in Serpents Hold. Die Stadt war ruhig, ein Schweigen, daß man durchaus als Anspannung auslegen konnte. Die ungewöhnlich trockene Luft stand still und trug in sich den beißenden Geruch von Schwefel und Asche. Wie ein sprödes Tuch rieb sich der Gestank in den gequälten Lungen der Einwohner, die sich zum großen Teil in ihren Häusern verbarrikadiert hatten.
In diesem Augenblick riß die Wirklichkeit auf dem Marktplatz auf und öffnete sich zu einem magischen Portal, durch das in schneller Folge Personen die Stadt betraten. Im Dunkel waren flatternde Roben und Haare zu erkennen aber auch das matte Schimmern von Waffen und Rüstungen. Das Tor flackerte ein wenig, drohte in sich zusammenzufallen und erstarkte wieder, um einer zweiten, größeren Gruppe Leute Platz zu schaffen. Weiße Wappenröcke über dunklen Panzern waren das einzige Erkennungszeichen der Bewaffneten, die mit dem Geräusch ihrer Stiefel die Gassen er Stadt erfüllten, als sie aus dem Tor marschierten.
Zügig durchquerte man den Ort bis hin zum Tor am westlichen Hafen. Von hier drangen nur wenige weiter vor und lieferten sich schon bald einen harten Kampf mit den Kreaturen, die aus dem verschlossenen Eingang der Feuerhöhlen drangen. Ein lautes Bersten folgte bald darauf, als ein Drache die Felsbrocken beiseite fegte - und dann war es wieder still, als die kleine Gruppe in dem Loch verschwunden war, aus dem die schweflige Hitze aufstieg...
War es ein Sieg? Das ließ sich schwer fassen. Und dennoch kreisten die Gedanken um das Geschehen dieser hereinbrechenden Nacht, während die Finger nacheinander zügig die Schnallen der schweren Rüstung lösten. Die vorhin noch blanken Platten zeigten deutlich die Spuren der Auseinandersetzung mit den Höllenkreaturen. Ihr Leib indes war makellos wie zuvor, auch wenn sie sich an den Schmerz noch gut erinnern konnte.
Sie hoffte, daß ihre Vorstellung für die unbedarften Mitkämpfer halbwegs überzeugend war. Wie hätten diese wohl reagiert, wenn sie festgestellt hätte, wie stark ihre Verwundungen tatsächlich gewesen waren? Der Schmerz war jedenfalls durchdringend genug gewesen und obwohl sie noch vorher Blut zu sich genommen hatte, fühlte sie den Durst schon wieder in sich erwachen. Ärgerlich schob sie den Gedanken daran erst einmal zur Seite. Sie hatte sich zuerst über anderes klar zu werden.
Eins hatte die gemischte Gruppe erreicht: Die Stadt schien wieder atmen zu können und die Ungeheuer, die aus dem Spalt hervorgebrochen waren, hatten sich zurückgezogen. Der Spalt war wieder geschlossen und wurde von Esme und ihren Leuten argwöhnisch bewacht. Wäre nicht das Geschehen um den auftauchenden Dämon tief unten in den Kavernen gewesen, jenseits des Feuerstromes, dann wäre es ein voller Erfolg gewesen. Aber selbst ihre sorgsam ausgesuchte Gruppe aus Zauberern, Kämpfern und einem Paladin hatte nicht so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt hatte. Die Zweifel, die sie an den Motiven dieser Ayis gehegt hatte, waren nicht geklärt sondern eher noch verstärkt worden. Welche Rolle hatte die Gruppe gespielt und wieviel davon hatte Ayis vorher schon gewußt?
Vielleicht konnte der Mann in ihrem Kerker, dieser Begleiter der Fraglichen, ihr dazu Antworten geben. Sie würde ihn befragen, sobald er wieder zu sich kam. In ihr nagte das Gefühl, eine direkte Gefahr durch eine noch größere, verborgene Bedrohung getauscht zu haben. Und diese Idee gefiel ihr gar nicht.
Was auch immer geschehen war, sie brauchte Klarheit.
Als der Tag anbrach und die ersten Sonnenstrahlen über die alten, mächtigen Mauern Schlangenfests huschten, konnte man in der morgendlichen Brise wieder frei atmen. Der beißende Schwefelgestank war verschwunden und im Hafen waren allenfalls noch Spuren von den kleinen Dämonen zu finden, die sich dort herumgetrieben hatten. Eine sanfte Brise wehte vom Meer her über die Stadt und machte beinahe vergessen, was noch vor Kurzem wie ein schwerer Stiefel auf der Stadt lastete.
Aber an diesem Morgen war dennoch etwas anders als zuvor. Wer durch das Südtor über die Brücke die Stadt verlassen wollte, kam nicht umhin, Neuankömmlinge zu bemerken: Die beiden Torbastionen waren von einer Gruppe Bewaffneter besetzt, die hier wachten und sich häuslich niedergelassen zu haben schienen, aber niemanden an seinem Tagwerk hinderten. Sie trugen lediglich schlichte, weiße Wappenröcke über ihren dunklen Panzern und hatten auf den Zinnen des Tores eine Fahne gehißt, auf deren weißem Tuch lediglich eine grüne Schlange zu erkennen war.
Noch bevor die meisten Bewohner der Insel sich aus ihren Häusern getraut hatten, war eine kleine Abordnung der Truppe schon unterwegs, hinüber zum horanschem Schloß im Norden der Stadt. Das Sagen schien dabei eine junge blonde Kriegerin zu haben, die am Schloß angekommen auch ohne viele Umschweife an die Tür unter dem Schild "Zynks Bärendienst" klopfte.
"Heda, jemand zu sprechen? Zynk, seid ihr da? Ich habe dringende Neuigkeiten zu bereden..."
Ein wenig skeptisch betrachtete die Anführerin der morgendlichen Gäste den Hausherren, als er so schlaftrunken die Tür öffnete. Mit gewissem Zweifel in der Stimme fragte sie dann: "Guten Morgen. Bürgermeister Zynk?" Und als kein Widerspruch kam, straffte sie sich und fuhr fort nach kurzem Räuspern.
"Mein Name ist Esme Gaffronshofer und ich bin Leutnantin der Schlangengarde. Wir haben in dieser Nacht an der Vertreibung der Dämonen mitgewirkt und derzeit Quartier am Südtor bezogen. Wir gedenken da bis auf weiteres zu bleiben, solange nicht klar ist, ob sich die Ungeheuer noch einmal regen. Man hat einen guten Blick auf den Hafen von dort, wie ihr sicher wißt und damit auch auf den Höhleneingang."
Wieder machte sie eine Pause und lächelte dann. "Ich denke, ich werde euch nicht weiter stören. Wenn ihr noch weitere Fragen habt, könnt ihr euch ja auch später an mich wenden..." Abwartend musterte sie Zynk, ob er vielleicht doch noch jetzt mehr wissen wollte oder ob ihm wohl lieber nach Ruhe war.
Laut schrillte die Glocke. von den Wällen der Stadt. Ein wenig träge drangen die Töne in ihren Kopf. Dann kamen Schreie dazu und rissen sie endgültig aus dem Halbschlaf, der sie übermannt hatte. Mit einem Schlag war sie hellwach und auf den Beinen. Der Gestank war wieder schlimmer geworden und von der Mauer oben rief einer ihrer Leute wild gestikulierend zu ihr herab: "Es geht wieder los! Sie kommen! Sie kommen!" Ein anderer hastete die Treppe hinunter auf sie zu und stimmte ein: "Die Mauer ist geborsten und sie strömen aus der Höhle!" Esme nickte und unterdrückte den Hustenreiz. Dann brüllte sie: "Die Hälfte sichert mit Schwertern die Wälle. DIe Bogenschützen mir nach!" Sie selbst griff ebenfalls nach dem Bogen und machte sich ihren Leuten voran auf den Weg. Es gab wieder eine Schlacht zu schlagen...
Irgendwas hämmerte in ihrem Kopf und brachte sie allmählich wieder zu Bewußtsein. Ihr ganzer Körper war steif und schmerzte bewegungsunwillig. Dann plötzlich wurde das Hämmern in ihren Ohren klarer und sie erkannte den Lärm eines Kampfes. Stimmen schrien durcheinander und Waffenklirren mischte ich mit schnellen Schritten.
"Sprengt.... Brücke! ...die Verletzten!" Verletzte? Esme sah sich um und erkannte die Konturen eines Lazarettes. Wie war sie hergekommen. Da war irgendetwas mit einem neuem Angriff. Irgendetwas hatte sie am Kopf erwischt. Wie lange hatte sie geschlafen? Sie zwang sich aufzustehen. Neben ihrer Statt lagen ihre Waffen und die leichte Rüstung. Während sie sich eilig wieder wappnete kam auch das Leben kribbelnd in die Glieder zurück. Noch einmal probierte sie, ob alle Muskeln reagierten, dann griff sie den Schaft ihres Langbogens fester und trat ins Freie, in der Tür schon einen Pfeil auflegend.
Draußen erwartete sie das Chaos. Befehle wurden gebrüllt und die verschiedensten Truppenteile versuchten eine Abwehr zu bilden. An mehreren Stellen sah sie ihre eigenen Leute vermischt mit anderen Bewaffneten. Offenbar war ihre Schlangengarde in der Zeit ihrer Ohnmacht nicht untätig gewesen. Aber nun war sie wieder da.
Vernehmlich erhob sie ihre Stimme: "Erste Reserveschützen - zu mir! Formt Linie! Zweite Art!" Und überall, wo sie nicht schon im direktem Kampf standen sprachen die Schlangengardisten auf die altvertrauten Kommandos an.
Serpents Hold. Auf dem Marktplatz vor dem alten Schloß der Horans hatten sich Menschen versammelt. Zentrum des Aufhebens war eine Gruppe Bewaffneter in weißen Waffenröcken, die sich auf dem Markt versammelt hatten: Alle überlebenden Kämpfer der Schlangengarde waren in Reih und Glied angetreten, die allermeisten inzwischen wieder vollends genesen von den harten Kämpfen um die Inselfestung. Einige indes würden für immer gezeichnet bleiben.
Die Anführerin wandte sich in diesem Augenblick an die Neugierigen. "Leute von Schlangenfest! Heute ist Tag des Abschieds. Als die Insel in höchster Not war, sind wir gekommen, doch nun ist der grausame Feind geschlagen und damit unser Auftrag beendet. Es ist an der Zeit für uns, heimzukehren zu unseren Familien." Esme machte eine kurze Pause, dann fuhr sie fort: "Wir haben allerdings vor, euch nicht weiter im Dunkeln zu lassen ob unserer Herkunft. Die Schlangengarde wurde jenseits des Meeres aufgestellt, auch wenn viele von uns ihre Wurzeln bis auf diese Insel zurückverfolgen können. Wir kommen aus Landsend, geschickt wurden wir von Amayris, unserer Herrin, die noch immer das Wohl dieser Insel im Auge hat wie ehedem. Wenn ihr ruft, wird aus Landsend auch wieder Hilfe für euch bereit stehen, so es möglich ist. Diese Botschaft sollen wir euch überbringen im Namen der Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest. Und nun... lebt wohl, tapfere Bürger dieser Insel."
Mit diesen Worten wandte sie sich an ihre Leute und nach einigen kurzen Worten setzte sich die Kolonne im lockerem Gleichschritt in Marsch Richtung Reisemagier - dieser sah einem gutem Geschäft entgegen, denn ein fetter Beutel Gold war ihm für den Massentransport versprochen worden.
Düsterhafens neues Gesicht - Landsends Aufschwung
"Milady, es gab einen Zwischenfall in einem der Steinbrüche."
Amayris sah auf von ihren Pergamenten, die sich auf dem kerzenlichtbeschienenem Tisch vor ihr ausbreiteten. Unter all diesen Berichten aus den inzwischen erweiterten Grenzen ihrer Ländereien war der eintretende Schreiber eine willkommene Abwechslung, auch wenn er wiederum ein paar neue Rollen mit sich brachte. Seufzend rieb sich die Herrin von Landsend und Vingau die Schläfe.
"Was für ein Zwischenfall war das?" Einen Wimpernschlag nur hatte sie ein menschliches Maß an Schwäche gezeigt. Früher hatte sie sich das nicht gestatten wollen, auch wenn es vorkam, heute zwang sie sich dazu, damit es überhaupt noch vorkam. Gerade in diesen Tagen, in denen zahllose Schiffsladungen von Bauholz und Gestein in Landsend verschifft wurden, hatte sie allen Grund, das rechte Maß an Erschöpfung zu zeigen. Genau genommen wurde es eigentlich an der Zeit, daß sie ich endlich einen Kanzler zulegte für diese Art Verwaltungsaufwand.
"In dem großem Bruch am Oteklotz in Norbergen ist ein Hebegerüst gebrochen und hat sieben Arbeiter begraben. Zwei sind verletzt davon gekommen, der Rest hat den Tod gefunden, wurde von der Last erschlagen." Die Herrin legte die Hände auf dem Tisch zusammen und maß den Boten nachdenklich mit Blicken. "Sind unter den Opfern irgendwelche Nichtverurteilten gewesen? Oteklotz... das ist doch einer der Sträflingsbrüche..." Der Mann nickte. "Ja, Herrin, das ist richtig. Die meisten Toten waren auch nur vom Tode gewandelte." Er blickte kurz auf eines der Blätter in seiner Hand. "Einer wäre nach nun noch siebzehn Jahren Zwangsarbeit freigekommen, sehe ich gerade." Als er wieder aufsah stellte er fest, daß seine Herrscherin nicht sonderlich berührt schien.
Amayris zuckte mit den Schultern. "Ich denke, der Verwalter wird sich schon darum kümmern. Bedeutet das Ganze eine nennenswerte Verzögerung der Arbeit in dem Bruch?" Der Mann schüttelte den Kopf. "Nein, es geht schon wieder voran. Nur eine Stunde war nötig, den Schutt abzuräumen und den Quader wieder aufzurichten, Milady." Die Angesprochene nickte und schien einigermaßen zufrieden. "Sehr gut. Also ist alles bestens. Du kannst nun gehen. Leg die Papiere dort hin." Ein Schauer rann über den Rücken des Mannes. Eilig deponierte er die Schreiben auf dem gewiesenen Platz und sah dann zu, aus dem Blick der eisblauen Augen zu kommen.
Hinter ihm griff die Vampirin nach Feder und Tintenfaß und machte sich daran, ein Schreiben nach Düsterhafen zu verfassen. Nach einer Weile schloß sie es mit den Worten: "... Somit sind die jährlichen Zehntgelder heuer beglichen. Zu den geschuldeten Ladungen Holz und Baugestein habe ich mir erlaubt, euch einige Quader aus festem, dunklem Stein als Gabe zu senden. Diese würden sich vortrefflich dafür eignen, von kundiger Hand einige Statuen daraus schneiden zu lassen, die zum Schmuck der Kapitale dienen mögen.
in Treue dem Reich ergeben
Amayris Tserclade von Zackbergen und Schlangenfest, Herrin über Landsend und Vingau."
Leise rieselte der Sand auf die noch feuchte Tinte, dann erhob sich die Schreiberin und ging hinüber zu der Schießscharte, von der aus man hinunter sehen konnte auf den Ort in einigen Meilen Entfernung. Ihre untoten Augen konnten selbst nächtens und auf die Entfernung deutlich die Schiffe erkennen, die dort vor Reede lagen und auf ihre Ladung warteten. Die Bauarbeiten in Düsterhafen zeigten ihre Auswirkungen auch hier an der Eisenküste. Viele der Segler würden Kurs nehmen auf die Hauptstadt, die Bäuche gefüllt mit Baumaterial.
Und mit jedem Schiff floß Gold in die Schatullen der Herrin des Landstriches.